Johannes Müller

Johannes Müller, am 19.4.1864 in Riesa (Sachsen) geboren, wuchs in einer kinderreichen, streng lutherischen Lehrersfamilie unter denkbar bescheidenen Verhältnissen auf. Vom 4. bis zum 9. Lebensjahr war er krank und zuletzt ganz gelähmt. Der von den Ärzten bereits Aufgegebene gesundete jedoch allmählich völlig. Diese schwersten, von ihm aber als besonders glücklich bezeichneten Jahre der Krankheit be­gründeten seine schicksalsbejahende Lebenshal­tung sowie die Fähigkeit, Eindrücke nachhaltig in sich aufzunehmen.

Für den Besuch des Gymnasiums in Dresden wurde der Zwölfjährige bei seinen Großeltern untergebracht, deren unerbittlich strenge An­wendung christlicher Grundsätze bei ihm starke Zweifel an den weltlichen und religiösen Er­ziehungsmethoden aufkommen ließ. Die Erfah­rungen aus dieser überaus leidvollen und ent­sagungsreichen Zeit kamen später den eigenen Kindern zugute.

Sein Theologie- und Philosophie-Studium in Leipzig und Erlangen mußte er sich selbst verdienen und erhungern. Die Entbehrungen hin­derten ihn aber keineswegs, sich einer sorgen­freien und fröhlichen Studentenzeit hinzugeben denn durch die Lebenserziehung zur Anspruchs­losigkeit hatte er ein für allemal die Unabhän­gigkeit von den äußeren Dingen gewonnen.

Der Lehrbetrieb auf den Universitäten ödete ihn an, weil er nach seiner Erfahrung nicht zur Wesensbildung beitrug und auch die Antworten schuldig blieb auf die Grundfragen: Wer bin ich, wozu lebe ich, was ist das Leben?

Nach Abschluß seines Studiums und Promotion wandte er sich deshalb von den Geisteswissen­schaften ab und begann in einer freien Vortrags­tätigkeit auf Themen über Glaubens- und Le­bensfragen einzugehen, die weder weltanschau­lich noch konfessionell gebunden waren. Damit sprach er die Menschen zutiefst an, was sich an den überfüllten Vortragssälen in Deutschland und dem benachbarten Ausland zeigte.

1896 war er nach Schliersee in Oberbayern ge­zogen. Die Berge und der Umgang mit den ein­fachen und urwüchsigen Gebirglern hatten für ihn eine entscheidende Wirkung, weil sie ihm zur Vertrautheit mit der Natur verhalfen. Er war entschlossen, die ganze Begriffswelt hinter sich zu lassen, weil er eingesehen hatte, daß in Wirklichkeit alles ganz anders ist, als es in der Vorstellung erscheint.

1897 ließ er sich auf Drängen seiner Hörer zum Drucken seiner Vorträge bewegen. So entstand die Vierteljahres-Zeitschrift »Grüne Blätter«, die bis zu ihrer Zwangseinstellung in 43 Jahr­gängen eine Fülle von Einsichten, Erfahrungen, Lebenshilfen und Klarstellungen brachte. Die ihm wichtigsten Aufsätze fasste er außerdem in Büchern zusammen, Übersetzungen ins Franzö­sische, Englische, Holländische, Finnische und Schwedische erfolgten später.

1900 heiratete er die Malerin Marianne Fiedler. Bald darauf wurde ihm durch Freunde das mit­telalterliche Schloß Mainberg in Franken zur Verfügung gestellt. Hier hatte er endlich die Möglichkeit, eine Begegnungsstätte zu schaffen und seine Leser und Hörer das erfahren zu las­sen, was er mit seinen Worten nur andeuten konnte. Die Renovierung des Schlosses wurde auf Vorschlag von Marianne Müller der Künst­lerfamilie Ernst Sattler übertragen - eine Ent­scheidung, die für sein weiteres Leben bedeut­sam werden sollte.

Als seine Frau 1904 bei der Geburt ihres dritten Kindes starb, nahm sich deren engste Freundin, Irene Sattler, der Kinder an. Sie wurde seine zweite Frau. Aus dieser Ehe gingen 8 Kinder hervor.

1904 überwältigten ihn Visionen aus der Berg­predigt. Dadurch wurde ihm die Bedeutung Jesu als Entdecker der Seele, dem eigentlichen Wesensgrund des Menschen, zur unumstöß­lichen Gewißheit. Sein Verständnis Jesu gegen­über brachte ihn jedoch in einen unüberbrück­baren Gegensatz zu fast allen christlichen Lehr­meinungen. Das Erlebnis der Bergpredigt wurde Wendepunkt und Grundlage seines Lebens. Bis zum Herbst 1905 verdeutschte und vergegen­wärtigte er sie Vers für Vers. Dieses Buch er­reichte die höchste Auflageziffer aller seiner Werke und wird von vielen Lesern noch heute für sein bedeutendstes gehalten.

Die zunehmende Überfüllung in Schloß Main­berg zwang dazu, nach anderen Möglichkeiten Ausschau zu halten. Dank der großmütigen Hilfe der Gräfin Waldersee konnte am Wetter­stein in der Einsamkeit des Hochtales Elmau ein neues Schloß errichtet werden. Der Bau wurde von dem Architekten Carl Sattler, einem Bruder Irenes, geplant und trotz der Kriegs­wirren 1914-1916 ausgeführt.

Dieses Schloß entwickelte sich zu einem Kultur- und Erholungszentrum unvergleichlicher Art. Der Gästedrang nach Elmau war sehr stark. Viele, die unter ihrem Schicksal zusammenge­brochen waren, setzten ihre Hoffnung auf eine Wiederaufrichtung durch die menschliche Ge­meinschaft, auf eine Wegweisung Johannes Mül­lers und die heilende Wirkung der Natur. Als ganz neue und sehr wesentliche Unterstützung erwies sich dabei die Macht der Musik. Johan­nes Müller, der unter der mangelnden Aus­drucksmöglichkeit des Wortes und dessen viel­fach nur das Denken anregenden Wirkung ge­litten hatte, sah in der Musik ein Mittel zur unmittelbaren Erfahrung schöpferischer Wirk­samkeit. Musiker von Weltrang musizierten als Gäste unter Mitgästen und als Mitwirkende am Elmauer Leben oder aus reiner Freude an der musischen Gemeinschaft. Einer brachte den an­deren mit, wodurch sich der Elmauer Künstler­kreis von Jahr zu Jahr ausweitete.

Alle Schwierigkeiten und Problemen zum Trotz erwies sich die Elmau während, zwischen und nach den Weltkriegen als so wirklichkeitsnah und widerstandsfähig in ihrer Eigenart, daß sie noch heute - auch nach dem Tode Johannes Müllers (4. 1. 1949) - eine große Anziehungs­kraft auf Menschen ausübt, die - mehr oder we­niger bewußt - auf der Suche nach sich selbst sind.

(Von Bernhard Müller-Elmau, aus: Was es heißt, ein Mensch zu sein von Johannes Müller)