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Gnostische Christentum - Forum für ein gnostisch-rosenkreuzerisches Christentum - 2. Brief

2. Brief, München, August 2020



"Kommt und seht selbst" (Johannes 1, 39)

Briefe zum gnostischen Christentum

Es sind einige Kommentare zum letzten Brief eingegangen, vielen Dank. Manche Leser haben die dort geäußerten Gedanken noch fortgeführt, andere wünschten genauere Auskünfte über die grundlegende Formel des befreienden gnostisch-christlichen Weges und vor allem über die damit verbundene Praxis. Im jetzigen Brief werden einige dieser Fragen beantwortet werden, die Fragesteller werden es bemerken. Andere angeklungene Themen werden in den nächsten Briefen aufgegriffen werden. Bitte haben Sie etwas Geduld.

In diesem Brief soll das Ziel des Weges, die Befreiung des wahren Menschen, etwas näher beleuchtet werden. Ein wesentliches Element dieser Formel, das "um meinetwillen", erklärt dieses Ziel. Aber gerade dieses Element ist, so zeigen die Kommentare, nicht immer verstanden worden.
Was heißt denn "um meinetwillen"? Jesus, der Christus, ist es, der "um meinetwillen" sagt. Das neue Leben finden und das alte verlieren, geschieht also "um des Christus Jesus willen". Und wie immer in den Evangelien ist Jesus nicht nur eine äußere historische Gestalt, sondern das Muster des wahren unsterblichen Menschen, der in jedem von uns auf Befreiung aus der Gefangenschaft im sterblichen Menschen wartet. Wer sein Leben um der historischen Gestalt willen verliert, würde in eine neue Abhängigkeit geraten, eine Abhängigkeit von einer äußeren Instanz. Es kommt darauf an, sein irdisches Leben um des Musters willen zu verlieren, das in jedem von uns seit Ewigkeit angelegt ist und verwirklicht werden will.
Dieses Muster, dieser innere Christus Jesus, der göttliche Mensch in uns, ist unter dem Druck des äußeren Ich-Lebens gleichsam ohnmächtig geworden. Es existiert nur noch als latentes Prinzip im Herzen. "Sein Leben um meinetwillen" verlieren, bedeutet deshalb: die Selbstbehauptung des Ich-Lebens verlieren, wodurch der wahre innere Mensch gefunden werden kann. Es heißt, die Selbstbehauptung des Ich-Lebens um des wahren Lebens willen verlieren, das durch Jesus den Christus verkörpert wird. Das wahre Leben ist Jesus, der Christus in uns, der wahre Mensch, der befreite Mensch. Deshalb spricht Paulus immer wieder vom "Christus in mir", der unter dem Druck des Ich-Menschen unbewusst und unwirksam, wie "tot", geworden ist, aber auferstehen und wieder lebendig werden kann, wenn sich der Ich-Mensch um dieses inneren Christus willen "verliert".

Das Ziel des irdischen Lebens ist der Tod. Warum tritt unweigerlich eines Tages der Tod ein? Weil wir irdischen Menschen unserer Substanz und Struktur nach einer Welt der vergänglichen Erscheinungen angehören. Wir sind aus ihr entstanden, leben aus ihr und sind, als Bewohner dieser Welt, selbst vergängliche Erscheinungen. In der ganzen uns sichtbaren Welt, die unsere Physiker vom Urknall bis zur Gegenwart und vielleicht noch bis zum ewigen Kältetod, zur Entropie, beschreiben, entsteht immer wieder Leben, doch nur, um wieder zu sterben. Auch unser "Leben" in den feinstofflichen, unsichtbaren Gebieten dieser Welt, denen wir mit unseren Gedanken, Empfindungen und Willensäußerungen angehören, ist vergänglich. Somit werden wir nach dem physischen Tod auch dem irdischen Denken, Fühlen und Wollen nach, ja, dem ganzen irdischen Ich-Bewusstsein nach, sterben.
Der wahre Mensch jedoch, das Ziel des Weges, das unsterbliche Muster des wahren Menschen in unsrem Herzen, ist dem Tod nicht unterworfen. Er ist aus einer anderen Welt entstanden, einer Welt der Unvergänglichkeit. Er hat kein Ende, er kennt keinen Tod, er lebt ewig. Warum? Weil er der ewigen, göttlichen Welt angehört, in der es keinen Tod gibt. Wenn die Anlage zum wahren Menschen in uns, die "Rose des Herzens", wie die Rosenkreuzer sagen, aus ihrem "Schlaf" erwacht und sich entfaltet, wird das Denken dieses wahren Menschen dem "Denken" der unvergänglichen Welt entsprechen, den "Gedanken" Gottes, die wie Gott selbst unvergänglich sind. Jeder wahre Mensch ist seinem Ursprung nach ein Gedanke Gottes, aus dem Denken Gottes als "Ebenbild Gottes" (1. Mose 1,27) hervorgegangen, und als Gedanke Gottes unsterblich. Nur ist er noch unentwickelt, sich seiner selbst unbewusst, lediglich ein Keim, in dem die unvergängliche schöpferische Weisheit, Liebe, Kraft und Freiheit Gottes angelegt sind und sich entfalten möchten. Das eben ist das Ziel des spirituellen Weges: die Verwirklichung dieser Anlagen.
Stellen wir uns Gott nicht als Person nach Art eines weisen irdischen Patriarchen vor, sondern als unendliches, den ganzen Kosmos durchziehendes vierfaches Kraftfeld mit vier Ebenen: ein Kraftfeld unvergänglicher, göttlicher Gedanken, die den göttlichen Kosmos ordnen, ein Kraftfeld der unvergänglichen göttlichen Liebe, die alle Geschöpfe darin nährt und miteinander vereinigt, ein Kraftfeld der ewigen göttlichen Schöpferkraft, die im ganzen Kosmos wirkt und ihn entwickelt, und ein Kraftfeld der göttlichen Urmaterie oder Ursubstanz, die diesen drei göttlichen Vermögen stets Form und Ausdruck gibt.
Unsere Gedanken werden unsterblich sein, wenn sie dem ursprünglichen göttlichen Denken entsprechen, unsere Gefühle werden unsterblich sein, wenn sie der ursprünglichen göttlichen Liebe angehören, unser Wille wird unsterblich sein, wenn er mit dem ursprünglichen göttlichen schöpferischen Willen in Freiheit mitwirkt, und unser Körper als Ausdrucksmittel dieser drei Eigenschaften wird unsterblich sein, wenn er aus der göttlichen Ursubstanz, aus der ewigen göttlichen Energiematerie aufgebaut ist.
Wir wissen seit Einstein, dass unsere sichtbare Materie nur verdichtete Energie ist. Unsere jetzigen Körper werden im Tod aufgelöst, weil ihre zu sehr verdichtete Energiematerie der Schwingung der göttlichen Ur-Energiematerie nicht entspricht und nicht mit ihr mitschwingen kann. Dieser Unterschied in der Schwingung der beiden Materiearten ist auch der Grund, weshalb unsere Sinnesorgane die Körper der in der göttlichen Welt lebenden Wesen nicht wahrnehmen können. Ebenso werden unsere Gedanken, Gefühle und unser Willen im Tod aufgelöst werden, weil sie den ewigen Gedanken, Gefühlen und Willenswirksamkeiten der göttlichen Welt nicht entsprechen. Und weil wir diese göttliche Welt in ihren vier Aspekten auf Grund unseres niedrigeren und qualitativ anderen Schwingungsschlüssels nicht wahrnehmen, behaupten die Materialisten, es gebe sie nicht!

Nur weil wir Menschen seit langem diesen vier Ebenen der göttlichen Welt nicht mehr entsprechen, sind wir sterblich geworden, Teil einer Welt der vergänglichen Erscheinungen. Unsterblich in uns sind nur noch die Anlagen zum vierfachen unsterblichen Menschen, die aber meist so sehr vom sterblichen Ich-Menschen dominiert und unterdrückt werden, dass sie sich nicht entwickeln und nicht bewusst werden können.

Worin besteht also das Ziel des spirituellen Weges? Diese Anlagen trotzdem sich entwickeln zu lassen, so dass sie zum erwachsenen Christus Jesus in uns werden, der eins mit der vierfachen göttlichen Welt ist!
Kann dieses Ziel vom Ich-Menschen erreicht werden? Unmöglich. Der sterbliche Ich-Mensch, der wir sind, hat weder die Kraft, noch die Substanz, noch die Struktur dazu. Mit seiner Substanz, der allzu dicht gewordenen Energiematerie, wird er die Schwingungshöhe und -qualität der Energiesubstanz des wahren Menschen auch mit größter Anstrengung niemals erreichen können, weil nicht nur die Schwingungshöhe, sondern auch die Verdichtung, also Qualität der Substanzen allzu unterschiedlich ist. Auch die Struktur des sterblichen Menschen ist auf die Struktur der Welt der Erscheinungen, die Lebensbedingungen dieser Welt, abgestimmt. Er müsste seinen ganzen Bauplan, das System der Organe und Knochen, verändern können, um einen Körper zu erhalten, der dem Bauplan des göttlichen Körpers entspricht. Und selbst wenn theoretisch diese Abstimmungen und Änderungen möglich wären, würde doch die Kraft des sterblichen Menschen dazu nicht ausreichen.

Kann also das Ziel des spirituellen Weges ein verbesserter, vervollkommneter sterblicher Ich-Mensch sein? Unmöglich, der Ich-Mensch kann kein vollkommener wahrer Mensch werden. Er kann nicht unsterblich werden: Seine Substanz und Struktur können nicht in die Substanz und Struktur des wahren Menschen übergehen.
Das Ziel des spirituellen Weges kann nur die Entwicklung der schon vorhandenen Anlage zum wahren Menschen sein, die sich innerhalb des sterblichen Ich-Menschen befindet, jedoch momentan von diesem unterdrückt wird. Das ist der Grund, weshalb die christliche Befreiungsformel in anderer Fassung lautet: "Jener (Jesus) muss wachsen, ich aber abnehmen" (Johannes 3, 30).

Wollten wir als Ich-Menschen das Ziel des spirituellen Weges erreichen, stünden wir vor einer unlösbaren Aufgabe. Wir müssten uns als sich selbst behauptende Ich-Menschen abschaffen - und welcher Ich-Mensch will oder könnte das? Wenn wir das Ziel des spirituellen Weges, den wahren Menschen, entwickeln wollen, brauchen wir Hilfe von oben, aus der göttlichen Welt. Und wir haben Glück: Die göttliche Welt will nichts lieber, als uns diese Hilfe zu gewähren, weil wir, als wahre Menschen, als "Ebenbilder Gottes", aus ihr hervorgegangen sind und zu ihr gehören. Sie will uns diese Hilfe geben, weil wir als potenzielle Geist-Menschen ihr gleichen. In der göttlichen Welt streben alle Wesen danach, in der göttlichen Liebe vereinigt zu werden und frei im Allgeschehen mitzuwirken.

Worin besteht die Hilfe der göttlichen Welt? Immer wieder schickt sie Botschafter in unsere Welt, um reifen Seelen den Weg zu diesem Ziel der Befreiung zu zeigen und ihnen Kraft zum Gehen zu geben. Wie tun sie das? Sie gehen selbst den Weg, um für andere Menschen Kraft freizusetzen. Ein solcher Botschafter inkarniert in einen sterblichen, aus sterblichen Eltern geborenen Menschen, um den Weg der Befreiung des wahren Menschen aus der Gefangenschaft im irdischen Menschen vorzuleben. Nur dadurch wird die Kraft freigesetzt, in der andere ebenfalls diesen Weg gehen können. Jede Aktivität im Leben setzt Kräfte frei, die auf andere einwirken, falls Resonanz dazu besteht. Die Aktivität eines solchen Botschafters setzt durch seinen befreienden Weg Kräfte für den befreienden Weg anderer frei.
Ein besonderer Botschafter dieser Art war Jesus der Christus, das Muster eines wahren Menschen. In dieser Eigenschaft umgab er alle, die seiner Botschaft folgen wollten, mit den Kräften, die sie auf ihrem eigenen Weg zur Befreiung brauchten. Wenn Jesus sagte, das irdische Leben müsse "um meinetwillen" verloren werden, damit das wahre Leben gefunden werde, so sprach er mit "um meinetwillen" von diesem Muster des wahren Menschen, das er selbst war, in dem sich aber auch jeder seiner Schüler, der sich zum wahren Menschen entwickeln wollte, erkennen konnte.
Dieses Muster des wahren Menschen erschien also als historischer Mensch Jesus auf der Erde, inkarniert in einem sterblichen Leib, war aber zugleich das Muster für den wahren Menschen in jedem seiner Schüler. Außen sahen sie ihn, innen erlebten sie ihn als das in ihnen wachsende Muster des wahren Menschen. Durch den Einfluss des äußeren Jesus vermochte in ihnen der innere Jesus zu erwachen, zu wachsen und selbst eines Tages aufzuerstehen. Deshalb sprach Jesus davon, dass das irdische Leben "um meinetwillen" verloren werden müsse: eben um des wahren Menschen willen, der in jedem Menschen einen Weg zur Auferstehung gehen kann, der dazu aber die Kraft des Musters, des äußeren Jesus, braucht. Beides ist notwendig: das äußere Muster als Kraftquelle für den Weg, und der innere wahre Jesus-Mensch als neue Identität des Schülers, als das Ziel seines Weges.

Es ist wesentlich, dass dieser Unterschied vom Schüler begriffen wird. Er könnte sich sagen: Ich vertraue darauf, dass mir der äußere Jesus hilft und dass mein Ich von ihm allmählich zu diesem Muster emporgehoben oder verwandelt wird. Aber so würde das Ziel des befreienden Weges nicht erreicht. Ein solcher Mensch würde das Ziel, den Geist-Menschen in sich wachsen zu lassen, dadurch ersetzen, dass er ein frommer Ich-Mensch würde, der auf den äußeren Jesus vertraut, um erlöst zu werden. Gerade dieser Irrtum wurde in den 2 Jahrtausenden nach Christus milliardenfach begangen und wird bis zur Gegenwart immer erneut durch die Kirchen befestigt. Jesus wurde zum äußeren Gottessohn gemacht, der dem Gläubigen am Jüngsten Tag das ewige Leben des wahren Menschen schenken würde. Es wurde vergessen, dass der innere Jesus, der wahre vollkommene Mensch, der aus der göttlichen Anlage zum Jesus-Menschen heranwächst, das Ziel des menschlichen Lebens ist.
Der äußere Jesus schenkt dem Ich-Menschen nicht die Unsterblichkeit, kann sie ihm nicht schenken, auch wenn der Ich-Mensch noch so fest daran glaubte. Denn das würde dem Ziel der Freiheit und Selbstständigkeit des aus Gott geborenen Menschen widersprechen. Gottes Freiheit und Selbstständigkeit soll und muss notwendigerweise auch im Ebenbild Gottes wirksam und bewusst werden. Darin besteht die Würde und der Wert des Menschen. Der innere Jesus, die latent gewordene Anlage zum wahren Menschen, muss auferstehen, nur er kann die Unsterblichkeit gewinnen. Er gewinnt sie, wenn sich der Ich-Mensch dieser Anlage zum wahren Menschen hingibt und sich von ihr durchdringen lässt, um schließlich ganz in ihr aufzugehen.
Das ist das Ziel des Christentums, nicht der moralisch verbesserte, fromme Ich-Mensch, der sich vom äußeren Jesus die Unsterblichkeit schenken lässt. Der äußere Jesus hilft nur dem inneren Jesus, zu erwachen und den Weg bis zur Auferstehung zu gehen. Dazu braucht der innere Jesus, der wahre Mensch, nicht bis zum Jüngsten Tag zu warten. Er geht in der Gegenwart diesen Weg, indem er sein altes irdisches Leben dem inneren Jesus dienstbar macht. Das alte Ich-Wesen "nimmt ab", wodurch der wahre Mensch "zunimmt".
Wie aber hilft heute der äußere Jesus dem inneren Jesus auf dem Weg? Er weilt ja nicht mehr sichtbar bei seinen Schülern. Er wirkt aber weiter mit den Kräften, die er seinerzeit freigesetzt hatte und die für alle Zeiten im Organismus Menschheit wirksam sein werden. Er hatte sie während seines ganzen irdischen Lebens freigesetzt, in Form seines "Blutes", das ist seine Seelenenergie, und seines "Leibes", das ist seine Seelensubstanz. In all seinen Worten und Handlungen, nicht nur am Kreuz, waren diese Seelenenergie und Seelensubstanz wirksam geworden.
Der im Abendmahl rituell ausgeteilte "Wein" und das rituell ausgeteilte "Brot" sind die Symbole für diese Seelenenergie und Seelensubstanz. Sie durchdringen seitdem den ganzen Organismus Menschheit und stehen allen dafür empfänglichen Menschen, die den inneren Jesus zum Leben erwecken wollen, zur Verfügung. In besonderen Gemeinschaften wie etwa der Geistesschule des Rosenkreuzes, spricht man von einem "Kraftfeld", das die Schüler umgibt. In diesem Kraftfeld sind Seelenenergie und Seelensubstanz des Christus Jesus in besonderer Weise konzentriert und helfen den Schülern beim Aufbau des wahren Menschen.
In dieser Seelenenergie und Seelensubstanz, in "Blut" und "Leib" von Jesus dem Christus, kann der innere Jesus in jedem dafür reifen Menschen erwachen und einen Weg bis zur Auferstehung gehen. Das ist das Ziel des befreienden Weges. "Um meinetwillen", um des inneren Jesus willen, geht ein Schüler den Weg. Er verliert bewusst sein altes, selbstbehauptendes Ich-Wesen zu Gunsten und in der Kraft des wahren Wesens, wodurch der innere Jesus auferstehen kann.
So wollen die Evangelien verstanden sein. So erhält das Leben des äußeren Jesus seinen Sinn als Muster und Hilfe für den inneren Jesus, der im dafür reifen Menschen in dem Maß auflebt, in dem das alte Ich-Leben verloren wird.

Was ist aus diesem großartigen, herrlichen Vorgang und Ziel gemacht worden! Man hat dem irdischen Ich-Menschen versprochen, dass er, wenn er nur fromm genug ist und den äußeren Jesus als Gottessohn, oder wenigstens als besonders heiligen Menschen verehrt, am Jüngsten Tag unsterblich auferweckt wird. Da fehlt jede eigene Arbeit des Menschen an sich selbst, jede Verantwortung für den eigenen Weg. Da wird dem frommen irdischen Menschen, dem Sünder, wenn er nur demütig den Vorgaben der Kirche folgt, ein herrliches freies Leben im Himmel in Aussicht gestellt.
Wo bleibt da die Würde des Menschen als aus Gott geborenes Wesen, das seine göttliche Herkunft auf einem Weg erkennt und seine Gottessohnschaft, seinen schöpferischen Willen, seine umfassende Weisheit, seine Liebe zu allen Geschöpfen, seine Freiheit und Verantwortung für sich selbst verwirklicht? Solche göttlichen Eigenschaften zu verwirklichen, ist die Aufgabe des Menschen, die er, wie er im eignen Innern spürt, als kosmisches, aus Gott geborenes Wesen im All und für das All verwirklichen soll. Das ist sein wahres Lebensziel, das Ziel des befreienden Weges.

Wie jämmerlich nimmt sich das Bild des armen, Mitleid heischenden Sünders angesichts dieses für sich selbst verantwortlichen wahren Menschen aus, der zugleich weiß, dass er nur, indem er frei die Hilfe des äußeren Jesus anwendet, zu dem in ihm angelegten Ziel der Einheit mit Gott gelangt! Der in ihm auferstandene innere Jesus kann dann wie der historische äußere Jesus sagen: "Ich und der Vater sind eins!"

Hat diese Zielvorstellung vom wahren Menschen Bedeutung für die Praxis des befreienden Weges? Oder ist sie nur ein kraftloser Begriff? Stellen wir uns vor, wir befänden uns auf Wanderschaft zu einem hohen Gebirge, von dem wir vage gehört haben. Wir sind müde vom weiten Weg. Als wir einmal aufblicken, wir wissen gar nicht warum, sehen wir plötzlich gewaltige Berge in der Ferne, die bisher im Dunst verborgen waren. Die Gipfel erglühen im hellen Licht der Sonne vor dem blauen Himmel. Freude erfüllt uns, wir sehen eine konkrete Bestätigung unserer Ahnung. Neue Hoffnung lebt auf. Wir richten den zu Boden gesenkten Kopf auf, hin zu den hohen Gipfeln, und Kraft durchflutet uns. Hindernisse, die uns unüberwindbar erschienen waren, überspringen wir leicht. Das Ziel selbst, das wir jetzt deutlich ins Auge fassen, gibt uns Gewissheit, dass es existiert, schenkt uns Hoffnung und erfüllt uns mit Liebe zur erblickten Helligkeit und Majestät. Das Ziel zieht uns an.
Wer dagegen ständig die Hindernisse auf dem Weg betrachtet, überwindet sie nur mühsam, wenn überhaupt. Sie halten ihn zurück und schwächen ihn.
Ein Beispiel aus dem Alltag: Ein Schüler auf dem spirituellen Weg empfindet als Verkehrsteilnehmer wütenden Zorn über rücksichtlose Fahrer. Er versucht, sich zu beherrschen, den Zorn zu "verlieren", der seine innere Ruhe zerstört, und einen gelassenen Zustand zu "finden". Doch so wird er niemals Erfolg haben. Der Zorn wird höchstens verdrängt werden. Lebt aber der Glaube an das Ziel der Befreiung in ihm, und empfindet er die Größe dieses Ziels, so kann es eines Tages geschehen, dass gar kein Zorn mehr auftaucht. Ein Hauch des wahren Menschen aus dem eigenen Inneren hat ihn berührt und vom Zorn befreit.
Das Primäre auf dem Weg ist, dass im Schüler das Ziel wirkt, das ihn befreien will. Da muss er nicht ständig an dieses Ziel denken, das wäre ein neues Hindernis auf dem Weg. Auch wenn er sich auf seinen Urlaub freut, wird er nicht unentwegt daran denken, aber die Vorfreude darauf wird seinen ganzen Alltag durchdringen. Ebenso wird er das Ziel der Befreiung in sich wirken lassen. Die Hindernisse müssen selbstverständlich aufgelöst werden. Aber das ist sekundär, und immer wieder wird sich eine Auflösung ereignen, wenn der wahre Mensch im Schüler erwacht, auflebt und seine Seele erfüllt. Dann hat kein Zorn, kein Hindernis mehr Platz in ihm. Stets die Hindernisse zu beachten und über ihre Auflösung nachzugrübeln, ist kontraproduktiv.
Es ist umgekehrt: In der Besinnung auf das Ziel wachsen Glaube, Zuversicht und Liebe. In dem Maß, wie Glaube, Hoffnung und Liebe den Schüler erfüllen, werden ihm auch die Hindernisse bewusst, kann er sie ertragen, und lösen sie sich allmählich auf.
Als westliche Menschen denken wir aber, wenn wir von der Formel des befreienden Weges hören: Zuerst muss ich "mein Leben verlieren", dann wird sich das wahre Leben einstellen. Ich erfülle eine Bedingung, dann werde ich das Ziel erreichen. Auf dem befreienden Weg ist es umgekehrt: Das Ziel, die göttliche Welt, das Muster des wahren Menschen ruft aus dem eigenen Innern, das Ziel wirkt im eigenen Innern, das Ziel schenkt Kraft und Hoffnung. "Um meinetwillen" heißt: Das Ziel ist schon immer da, das Muster des wahren Menschen wirkt im Gerufenen als Glaube, Hoffnung und Liebe. Um dieses Zieles willen geht er den Weg. In dieser Kraft kann er das alte "Leben verlieren". Die Hindernisse lösen sich auf, und er "findet" das wahre Leben.


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