Gnostisches Christentum - Forum für ein gnostisch-rosenkreuzerisches Christentum - 9. Brief

9. Brief, München - September 2021



"Kommt und seht selbst" (Johannes 1, 39)

Briefe zum gnostischen Christentum


Ein erster Schritt des Schülers auf dem spirituellen Weg, auch schon des Wahrheitssuchers, ist, dass er die Bilder und Symbole begreift und auf sich wirken lässt, mit denen alle heiligen Schriften diesen Weg darstellen. Wir als westliche Menschen haben die Bibel als heilige Schrift des Christentums gleichsam im Blut, wenn wir auch oft gar nichts mehr vom Christentum wissen wollen. Denn die Symbole, Gleichnisse und Bilder des Neuen Testaments sind im Lauf der Jahrhunderte dermaßen missverstanden worden, dass oft das Gegenteil des in den Texten Gemeinten herauskam. Das hatte furchtbare Konsequenzen für die christliche Religion, deren Dogmen und Macht bis heute auf diesen Missverständnissen beruhen.
Deshalb ist es ein Gebot der Stunde und überhaupt der Vernunft, diese Verzerrungen und Missverständnisse aufzuklären. Andernfalls würden sie, uns unbewusst, eine unselige Macht über unser Denken behalten und uns den Weg zur Wahrheit und der inneren Befreiung versperren, welche das Ziel des Christentums ist. Sagte nicht Jesus: "Dann werdet ihr die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch frei machen"? (Johannes 8, 32)

Wir wollen in diesem Brief an einigen Beispielen zu ergründen suchen, wie die Bibel, die heilige Schrift des Christentums, insbesondere das Neue Testament, wesentliche Aspekte des spirituellen Weges auf symbolische Art darstellt.

Schon Jesus, der Gründer einer damaligen Geistesschule - sie bestand aus den sogenannten zwölf Aposteln -, war es gewohnt, seinen Hörern spirituelle Sachverhalte durch Gleichnisse, also durch Bilder und Symbole, darzustellen. An einer Stelle des Matthäus-Evangeliums (Kapitel 13) versucht er seinen Hörern, den "Außenstehenden" wie seinen Schülern, in sieben Gleichnissen zu verdeutlichen, was eine Geistesschule überhaupt ist. Er bezieht seine Geistesschule, jede Geistesschule, auf das "Reich der Himmel" und sagt jeweils: "Das Reich der Himmel ist gleich einem ...", und dann kommt ein Sachverhalt aus der jedem Menschen bekannten alltäglichen Welt, die mit dem "Reich der Himmel" nicht identisch ist, aber durch geeignete Bilder und Analogien darauf hinweisen kann.

Das erste Gleichnis ist das vom Sämann, der die Samen des göttlichen Wortes in die Welt der Menschen sät. Diese reagieren unterschiedlich. Bei den einen kommen die "Vögel", fressen die Samen sogleich wieder auf und verhindern sie am Keimen. Bei den anderen verdorren die Samen allmählich, weil sie nicht tief genug im harten Boden der Seele wurzeln. Bei den dritten werden sie durch "Dornen" erstickt, das heißt, die vielen Sorgen des Alltags verdrängen die Wahrheit des Wortes wieder. Und nur beim vierten Teil der Menschen gehen die Samen auf und bringen Frucht.

Man findet alle vier Typen in jeder Geistesschule. Schüler oder Wahrheitssucher, die mehr oder mehr oder weniger intensiv vom göttlichen Wort getroffen worden sind, reagieren auf unterschiedliche Weise. Einige treten gleich wieder aus oder haben vollständig missverstanden, andere halten nicht durch, und nur wenige sind so im Herzen berührt, dass sie ein echtes Verständnis entwickeln und "Frucht bringen": Sie lassen sich innerlich verändern und arbeiten mit ihrem Meister für andere.

Die Schüler fragen nun den Meister: "Warum redest du in Gleichnissen zu ihnen", also auch zu den Außenstehenden? Und er antwortet: "Weil es euch (Schülern) gegeben ist, die Geheimnisse der Himmel zu erkennen, jenen aber ist es nicht gegeben." Die Schüler bringen eine Offenheit des Herzens mit und zeigen Resonanz auf die Kräfte des Reichs der Himmel, die "Worte des Meisters", die Samen des Sämanns. Diese Resonanz kann mehr oder weniger nachhaltig sein, aber, so Jesus, euch Schülern ist es gegeben, "die Geheimnisse des Himmels zu erkennen". Den Außenstehenden, den noch ganz im irdischen Alltag Verstrickten, ist diese Resonanz nicht gegeben. Sie sehen zwar mit ihren äußeren Augen und hören mit ihren äußeren Ohren, doch die Bilder vom Reich der Himmel bleiben ihnen verschlossen, weil sie noch keine inneren Augen und Ohren haben, die für die "Geheimnisse des Reichs der Himmel" geöffnet sind.
Jesus spricht alle Menschen an, aber er rechnet damit, er weiß sogar, dass die allermeisten das "Wort" nicht oder nicht nachhaltig verstehen. Trotzdem spricht er in Gleichnissen. Denn auch seine Schüler können die "Geheimnisse des Reichs" zunächst nicht unmittelbar verstehen, sondern nur auf dem Weg über Bilder. Deshalb schlägt Jesus diesen Weg der Gleichnisse ein, erklärt sie ihnen aber auch sofort, damit sie das "Reich der Himmel" allmählich innerlich verstehen.
Er weiß nur allzu gut, wie gefährlich es ist, wenn diese Gleichnisse mit dem Alltagsverstand aufgenommen und eben nicht als Gleichnisse, sondern als Beschreibungen einer Alltagsrealität verstanden werden. Dann stellen sich die Hörer das "Reich der Himmel" mit ihrem Alltagsverstand vor, zum Beispiel als herrliches Lichtland, in das sie als Gläubige nach dem Tod eintreten, oder als ewiges Leben, das sie nach dem Tod geschenkt bekommen, falls sie nur stets an diese Aussichten geglaubt haben. Was dieses Missverständnis im Lauf der Jahrhunderte für Folgen gehabt hat, ist bekannt. Denn "Reich der Himmel" ist ein innerer Zustand, den der Mensch mit Hilfe einer Geistesschule erwerben oder wachsen lassen muss. Dieser Zustand kann nicht durch noch so große Frömmigkeit oder noch so regelmäßigen Vollzug kultischer Rituale erlangt werden, sondern nur dadurch, dass der Mensch das "Wort", die göttlichen Kräfte und Inhalte, in sich wirken und sich dadurch, bewusst mitarbeitend, verändern lässt. Das "Reich der Himmel" kann er nur erlangen, oder anders ausgedrückt, es kann ihm nur geschenkt werden, wenn er es in sich einlässt und sich dadurch vollständig verändern lässt, bis sein ganzes irdisches Wesen durch ein neues Wesen ersetzt ist, das diesem Reich wieder entspricht.
Wer aber diese Gleichnisse nicht als Gleichnisse versteht, vermauert sich diesen Weg gerade, "verstockt sein Herz" durch Illusionen, "bekehrt sich nicht" , lässt sich nicht verändern und wird nicht vom Zustand der Sterblichkeit und seelischen Krankheit "geheilt". So zitiert Jesus einen Ausspruch des Propheten Jesaja (Kap 6, 9-10).
Und wenn eine ganze Organisation beansprucht, diese Gleichnisse zu verstehen, obwohl sie selbst aus Nichtbegreifenden besteht, und andere auf diesem Weg der Illusionen zu führen, kommt es zu einem Zustand der Religion, den Jesus an anderer Stelle mit Bezug auf die Pharisäer seiner Zeit beschreibt: "Wehe aber euch, ihr Schriftgelehrten und Pharisäer, ihr Heuchler, dass ihr das Reich der Himmel vor den Menschen zuschließt. Denn ihr kommt nicht hinein, und die, welche hinein wollen, lasst ihr nicht hinein (Matthäus 23, 13).

Die Frage entsteht, warum nicht nur Jesus, sondern auch viele andere Botschafter aus der göttlichen Welt den Weg der Gleichnisse gewählt haben, obwohl so viele Gefahren durch "Verstocktheit" daraus entstehen können. Zum Beispiel ist der Zug des Volkes Israel aus Ägypten, dem Land der "Knechtschaft", durch die Wüste bis ins "verheißene Land", den Zustand einer neuen inneren Freiheit, ebenfalls ein Gleichnis, und zwar für einen spirituellen Weg (2. Buch Mose). Die Inbesitznahme Palästinas und die Vertreibung aller bisherigen Völker aus diesem Land ist im Gleichnis die Notwendigkeit, sämtliche der inneren Freiheit hinderlichen irdischen Eigenschaften zu beseitigen. Wer dieses Gleichnis nicht als solches versteht, wird behaupten, Gott habe dem Volk Israel das geografische Land Palästina für alle Ewigkeit versprochen, und wird jeden Krieg riskieren, weil er sich in seinem Missverständnis auf Gott verlässt.
Es könnte sein, dass die Methode der Gleichnisse zu Zeiten, in denen das Verständnis der Menschen für höhere Dimensionen noch ganz unterentwickelt war, der einzige Weg zum Verständnis höherer Sachverhalte war, und dass "Verstocktheit" mit ihren schlimmen Folgen in Kauf genommen werden musste. In Zeiten eines vernünftigen Denkens dagegen ist "Verstocktheit" unverzeihlich und würde durch das Schicksal korrigiert werden.

Erst als die Gewähr bestand, dass seine Geistesschüler nach längerer Vorbereitung "Worte" vom Reich unmittelbar im Innern verstanden und auf ihre innere Situation und Aufgabe bezogen, als nicht mehr die Gefahr drohte, dass sie Gleichnisse als Beschreibung einer sinnlich wahrnehmbaren Wirklichkeit missverstanden, sprach Jesus ohne Gleichnisse unmittelbar zu ihren dann geöffneten geistigen Ohren. Auf dieses Stadium ihrer künftigen Entwicklung wies Jesus hin, als er sagte: "Die Stunde kommt, wo ich nicht mehr in Bildreden zu euch sprechen, sondern euch frei heraus über den Vater (und das Reich der Himmel) Kunde geben werde." Und seine Schüler freuten sich, als ihr Meister sie für fähig hielt, unmittelbar mit geistigen Ohren zu hören und mit geistigen Augen zu sehen. Sie sagten: "Siehe, jetzt redest du frei heraus und gebrauchst keine Bildrede" (Johannes 17, 25 und 29).

Vieles von dem, was im Lauf der Jahrhunderte seit Jesus nicht mehr als Gleichnis für eine innere Realität, sondern als äußere Realität nach Art der irdischen Dinge verstanden wurde - was furchtbare Konsequenzen hatte -, kann und muss heute durchschaut werden. Der moderne Mensch mit entwickeltem Denken sollte des Gleichniswegs zur Wahrheit nicht mehr bedürfen. Vielleicht sind aber viele noch allzu sehr an ein falsches, äußerliches Verständnis der Gleichnisreden Jesu gewöhnt und gebunden und werden auch heute noch empört auf eine Richtigstellung ihrer Dogmen reagieren. Andere jedoch empfinden eine Befreiung von dieser Gebundenheit als Erlösung. Sie sind fähig, die Gleichnisse des Meisters auf neue Weise zu verstehen.
Für sie gilt der wiederum gleichnishafte Ausspruch Jesu: "Deshalb ist jeder Schriftgelehrte, der für das Reich der Himmel unterrichtet ist, einem Hausherrn gleich, der aus seinem Schatz Altes und Neues hervorholt" (Matthäus 13, 52). So jemand wird sowohl die alten Schriften als Schätze verstehen, als auch in schöpferischer Freiheit aus seinem erwachten Innern neue Schätze der Wahrheit hervorbringen.

Aus den sieben Gleichnissen vom "Reich der Himmel", die Jesus am Anfang seiner Tätigkeit erzählte, geht klar hervor: Eine Geistesschule ist eine aus dem "Reich der Himmel" stammende Einrichtung, man könnte sagen, ein auf der Erde wirkendes "Kraftfeld aus den Himmeln". Deshalb darf auch eine Geistschule auf keinen Fall mit Realitäten irdischer Art verwechselt oder beschrieben werden. Höchste Ehrerbietung für eine solche aus der göttlichen Welt entstandene Einrichtung ist angebracht. Kein irdischer Mensch, und sei er auch noch so klug, kann es wagen, grundsätzliche Inhalte einer solchen Geistesschule aus dem "Reich der Himmel" zu entschärfen oder zu verwässern. Vorsichtige Änderungen, Anpassungen an geänderte Zeitverhältnisse oder Menschen anderer Kulturen und Sprache können nur jemandem erlaubt sein, der im Innersten begriffen hat, was eine aus dem "Reich der Himmel" entstandene Geistesschule ist. Ein solcher Mensch muss schon vom Geist des "Reiches der Himmel" erfüllt sein.

Einige biblische Gleichnisse beschreiben solche Prinzipien der Arbeit einer Geistesschule aus dem "Reich der Himmel". Häufig ist das "Schiff" in den Evangelien ein Bild für die ganze Geistesschule mit Schülern und Meister, die übers Meer der irdischen Bedrängnisse fahren. Zum Beispiel die Erzählung vom schlafenden Meister, während Stürme und Wogen das Schiff mit dem Untergang bedrohen. Die Gefahr kann nur dadurch beseitigt werden, dass die Schüler ihren Meister wecken (Matthäus 8, 23-26).
Denn in diesem Fall "schläft" Jesus, die Kraft aus dem "Reich der Himmel", in jedem einzelnen Schüler und in der ganzen Gruppe. Und wie könnte es anders sein, als dass ohne diese Kraft die ganze Geistesschule in Turbulenzen gerät und vom Untergang bedroht ist.
Die Schüler aber versuchen auf ihre Weise alles, die Geistesschule zu retten. Doch erst, als sie Jesus wecken, ist die Gefahr gebannt. Erst wenn sie sich auf die Kraft aus dem "Reich der Himmel" im eigenen Herzen und in der ganzen Gruppe besinnen und ihr Wirkungsmöglichkeit geben - wenn Jesus selbst sich erhebt, die Winde und den See bedroht -, tritt Windstille ein. Alle irdischen Anstrengungen helfen nichts, solange nicht die göttliche Kraft selbst in einer Geistesschule wirksam ist und den irdischen Bemühungen Richtung gibt.
Und Jesus fragt seine Schüler: "Warum seid ihr so furchtsam?" Müssten sie doch längst wissen, dass ihre Geistesschule, solange der Meister in ihr wach ist, durch alle irdischen Gefährdungen sicher hindurchsteuern wird. Wenn diese Kraft wirkt, werden auch Mittel und Wege gefunden werden, allen irdischen Widrigkeiten standzuhalten.

Ein andres Gleichnis mit einem Schiff steht beim Evangelisten Johannes (Kapitel 21). Einige Schüler von Jesus wirken als "Menschenfischer". "Fische fangen" ist ein Bild dafür, dass Menschen für eine Geistesschule gewonnen werden. Die Erzählung spielt in einer Zeit, in der Jesus schon auferstanden ist, aber von seinen Schülern zunächst nicht erkannt wird.
Einige Schüler sagen zu Petrus, der fischen gehen will: "Wir kommen auch mit dir". Sie gingen hinaus und stiegen ins Schiff, und "in jener Nacht fingen sie nichts".
Am Morgen begegneten sie dem noch unerkannten Jesus, der fragt: "Ihr habt wohl nichts zu essen?" Im Gleichnis bedeutet das: Ihr habt wohl keine Schüler gewonnen, die meinem "Reich der Himmel" und mir neue nährende Energie zuführen können? Als die Schüler seine Frage verneinen, bekommen sie zur Antwort: "Werft das Netz auf der rechten Seite des Schiffes aus, so werdet ihr finden."
Das ist der springende Punkt in diesem Gleichnis. Die Arbeit der Geistesschüler, die dazu dienen soll, dem "Reich der Himmel" neue Bewohner zuzuführen, muss einer bestimmten Bedingung genügen, wenn sie erfolgreich sein will. Diese Bedingung ist: Die Schüler dürfen nicht auf Erfolg spekulieren. Sobald sie das tun, ist ihr eigener Wille im Spiel, was den Willen des Reiches der Himmel an seiner Wirksamkeit hindert. Eine solche innere Haltung der Schüler hieße, das Netz "zur Linken" auszuwerfen, dort, wo der Eigenwille wirksam ist.
Nur eine Arbeit von Geistesschülern, die vollkommen absichtslos vor sich geht, von keinen Vorstellungen über Schülerzahlen und entsprechende Erwartungen und Aktivitäten geleitet wird, kann als Arbeit "zur Rechten" des Schiffes bezeichnet werden. Nur eine solche Arbeit geht unmittelbar von der Kraft der Himmel aus und wird Resonanz in dafür offenen Menschen erwecken. Als Petrus das Netz zur rechten Seite auswirft, ziehen daher die Schüler das Netz an Land, tatsächlich prall gefüllt mit 153 großen Fischen.
153 ist die Summe der Zahlen von 1 bis 17, hat die Quersumme 9, das ist die Zahl der Menschheit, und bedeutet eine unendliche Menge, die sich in Jahrtausenden ansammeln kann. Wenn Geistesschulen als Einrichtungen des "Reichs der Himmel" unter der genannten Bedingung arbeiten, werden sie im Lauf der Jahrtausende tatsächlich die gesamte Menschheit für das "Reich der Himmel" gewinnen. Und was noch wichtiger ist: Das Netz wird nicht zerreißen. Die anziehende Wirkung der göttlichen Kraft auf offene Herzen, ausgehend von Menschen mit offenen Herzen, wird niemals aufhören und unbedingt auch in Zukunft alle Menschen mit diesem Reich wiedervereinigen.
Eine Arbeit der Geistesschule, ob sie in der Gegenwart existiert oder in der Zukunft, wird immer zum Ziel führen, wenn sie der genannten Bedingung genügt. Denn dann werden ihre Schüler im Vertrauen darauf arbeiten, dass ihre Arbeit nicht vergeblich sein wird. Sie brauchen nicht in Hektik zu geraten, wenn einmal keine Schüler kommen. Hektik und daraus folgender Übereifer heißt, das Netz zur "linken Seite des Schiffes" auszuwerfen, und wird gerade das Gegenteil des Erhofften, nämlich nichts oder Zugänge von Schülern, die bald wieder verschwinden, bewirken. Denn der Wahrheitssucher spürt genau, welche Kräfte ihm in einer Schülerschar begegnen. Falls er hektische Erwartung spürt, wird er wissen, dass die "rechte Seite", die göttliche Kraft, momentan in dieser Geistesschule nicht wirkt, und wird sich abwenden, weil er sich nicht "einfangen lassen" will. Falls er die Wahrheit spürt, wird er nicht anders können, als sich angezogen fühlen, mag er auch noch so viele irdische Widerstände in sich überwinden müssen.

Ein weiteres Thema, das das Verhältnis eines Geistesschülers zu seiner Gesellschaft berührt und an Hand von Symbolen behandelt wird, wird im 6. Kapitel des Evangeliums nach Johannes angesprochen. Jesus gebraucht dort das Bild vom "Brot des Lebens". Was ist dieses "Brot des Lebens"? Für ein vernunft-offenes Bewusstsein wie es die Schüler Jesu inzwischen erlangt hatten, lässt es sich erklären.
Jesus unterschied zwischen dem "wahren Brot aus dem Himmel", das er selbst brachte, und dem noch nicht wahren "Brot aus dem Himmel", das Mose gebracht hatte. Das "Brot aus dem Himmel": Was könnte es anderes sein als eine göttliche Kraft, die dafür empfängliche Herzen berührt, öffnet und nährt? Sie vermag dafür empfängliche Menschen vollkommen zu verwandeln, bis sie ihrem göttlichen Ursprung wieder gleich geworden sind und die Einheit mit dem göttlichen Vater zurückgewinnen. Ohne eine solche radikale Umwandlung des ganzen alten sterblichen, irdischen Wesens ist diese ewige Einheit nicht möglich.
Das "Brot, das Mose aus dem Himmel" gegeben hat, hat nicht die selbe Kraft wie das Brot Jesu. Das Brot des Moses war zwar auch aus dem Himmel, hatte aber nur dazu gedient, Menschen auf die radikale Umwandlung vorzubereiten, die sie zur Einheit mit dem Vater zurückführen würde. Mit anderen Worten: Es war das äußere Gesetz, das Dogma, das den Menschen, der ihm folgte, erst einmal in einen Zustand der Empfänglichkeit für die göttlich verwandelnde Kraft bringen sollte.
Jesus ging noch weiter in der Interpretation dieses Bildes. Er sagte: "Ich bin das Brot des Lebens." Sein Wesen ist schon der wiedergewonnene göttliche Zustand des ursprünglichen Menschen und vermag deshalb einen auf dieses Wesen abgestimmten Geistesschüler ebenfalls in diesen Zustand zu bringen. Wer im Herzen auf die Ausstrahlung des Wesens von Jesus positive Resonanz zeigt, wird davon verändert werden, bis er selbst diesem Wesen wieder gleich geworden ist. Der äußerlich sichtbare Jesus kann und muss daher als Prototyp des ursprünglichen Menschen aufgefasst werden, und nur, wer sich von diesem "Brot" nährt, wer sich durch Empfänglichkeit für das Wesen des Meisters allmählich, auf einem spirituellen Weg, radikal verändern lässt, wird ebenfalls die Auferstehung des göttlichen Wesens erleben, nicht erst am Jüngsten Tag, sondern mindestens teilweise schon im gegenwärtigen Leben. Der äußerlich sichtbare, historische, sterbliche Jesus ist also ein Bild für den ursprünglichen, unsterblichen Menschen! Nur dieser ist das "Brot des Lebens", das die Nahrung auf dem Weg zum ursprünglichen Menschen bietet.

Von da an zogen sich viele seiner Schüler zurück und wandelten nicht mehr mit ihm, fährt das Evangelium nach Johannes fort (Kap 6, 66). Diese enttäuschten Schüler müssen eine solche Äußerung ihres Meisters als arrogant und überheblich empfunden haben. Die Geistesschule und ihr Meister als "Brot des Lebens"? Das wird Anstoß in der Gesellschaft erregen, das wird ihnen als Hochmut ausgelegt werden! Besser, man verlässt einen solchen Meister und eine solche Geistesschule so schnell wie möglich. Als arrogant will man nicht gelten. Lieber stellt man sich auf die selbe Stufe mit allen anderen esoterischen Schulen, deren Meister nicht behaupten können, aus wirklich göttlichen Kräften zu leben. Dann wird man wenigstens als allgemeiner, bescheidener Menschenfreund anerkannt.
Auch die Angst, von der Öffentlichkeit als arrogant beurteilt zu werden, ist eine Erscheinung, die sich in Geistesschulen aller Zeiten bemerkbar macht. Aber Jesus fragt seine Schüler: Wollt etwa auch ihr hingehen und eure Geistesschule verlassen? Fürchtet ihr den Vorwurf, ihr gehörtet zu einer sich exklusiv gebärdenden Sekte?
Ein Geistesschüler, der begriffen und erlebt hat, dass er in seiner Geistesschule das "Brot des Lebens" empfängt, die Erkenntnis, die seinem Leben Sinn gibt, wird wissen, dass er, seine Mitschüler und sein Meister nicht arrogant sind, sondern nur einfach die Wahrheit und ihren Weg gefunden haben und unaufdringlich davon berichten. Und deshalb fragt Petrus als Wortführer der Geistesschüler in dieser Szene: "Herr, zu wem sollten wir gehen? Du hast Worte des ewigen Lebens", das haben wir erkannt. Wo sonst finden wir sie? (Johannes 6, 68)

Als letztes soll hier das große symbolische Gemälde der "Speisungen" der "hungrigen" Wahrheitssucher durch Jesus und seine Schüler betrachtet werden (Matthäus 14, 13-21). Bei der ersten Speisung, der "Speisung der Seele", wie sich aus dem Zusammenhang ergibt, sind es 5000 Wahrheitssucher (5 ist die Zahl der Seele, 1000 die Zahl der Ungezählten), die von den Schülern des Meisters mit fünf Broten und zwei Fischen gespeist werden. Die "fünf Brote" und "zwei Fische" vermehren sich unerschöpflich, so dass alle 5000 Hungrigen satt werden. Ein "Wunder"? Nein eine symbolische Darstellung: Die Schüler haben auf ihrem Weg mit dem Meister bereits spirituelle Erkenntnisse, die sie als "fünf Brote", sowie neue spirituelle Energien erworben, die sie als "zwei Fische" weitergeben können. Und diese Erkenntnisse und Energien sind in der Tat unerschöpflich. Eine Einsicht nimmt durch Mitteilung nicht ab, und ein Stück Hoffnung entzündet im Verzweifelten neue Hoffnung. Im Hintergrund des Geschehens wirkt stets der Meister selbst, indem er die "Brote und die Fische" "segne" und Gott dafür "dankt". Das heißt, er lädt sie mit spirituellen Kräften.
Später erklärt Jesus selbst seinen Schülern, dass Brote und Fische als Symbole zu verstehen sind: "Wie könnt ihr nicht verstehen, dass ich nicht von Brot zu euch gesprochen haben?" (Matthäus 16, 11). Und "sein Brot" ist die Wahrheit, was Jesus mit der Aufforderung betont: "Hütet euch aber vor dem Sauerteig der Pharisäer" (Matthäus 16, 12). Denn der "Sauerteig der Pharisäer" ist das aufgeblähte intellektuelle Wissen.
Das Gleichnis hat noch andere Aspekte. Zum Beispiel sammeln die Schüler sieben "Brotkörbe" voller Reste, also alles, was die Hungernden selbst an gewonnenen Einsichten und Energien zurückgelassen hatten. Das weist darauf hin, dass jede Aktivität von Schülern einer Geistesschule Rückwirkungen auf sie selbst, die Austeilenden, ja auf den Meister selbst hat. Durch ihre Arbeit mit anderen wächst die Einsicht der Schüler, und auch die Seelenkraft des Denkens und Empfindens ihres Meisters wächst. Das wird sich später bei seiner sogenannten "Verklärung" zeigen, wo er von innen her leuchtet (Matthäus 17, 2).
Jetzt aber, sogleich nach der Speisung der Hungernden, zeigt sich, dass durch die Arbeit der Schüler für andere ihr Erkenntnisvermögen in eine andere Dimension vorgedrungen ist. Der Meister fragt sie: "Ihr aber, für wen haltet ihr mich?" (Matthäus 16, 15) Und Petrus antwortet als Wortführer der Schüler: "Du bist der Christus, der Sohn des lebendigen Gottes" (Matthäus 16, 16).
Die Arbeit eines Geistesschülers für andere, in der Kraft von Jesus dem Christus vorgenommen, verändert sein Bewusstsein. Jede derart durchgeführte Arbeit bringt ihn auf seinem Weg ein Stückchen voran.

Es wäre schön, wenn Leser dieses Briefes ihre Fähigkeit des symbolischen Denkens anhand der Gleichnisse dieses Briefes, die alle noch weitere Aspekte haben, und anderer Gleichnisse stärken würden. Was bedeuten zum Beispiel die Erzählungen vom Feigenbaum (Matthäus 21, 18ff und Lukas 13, 6)? Der "Feigenbaum" ist ein Symbol für die geistlichen Führer der damaligen Zeit. Was wird über sie ausgesagt?




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