Gnostisches Christentum - Forum für ein gnostisch-rosenkreuzerisches Christentum - 11. Brief

11. Brief, München - Februar 2022



"Kommt und seht selbst" (Johannes 1, 39)

Briefe zum gnostischen Christentum


Es ist an der Zeit, auf einige Unklarheiten über den Sinn und die Quelle dieser Briefe einzugehen. Immer wieder sind Fragen darüber aufgetaucht.
Die meisten Leser werden bemerkt oder erraten haben, dass der Verfasser, der Unterzeichnende, Schüler der Geistesschule des Rosenkreuzes ist. Seine Ausführungen beruhen auf den Erfahrungen und Einsichten, die er als langjähriger Schüler dieser Geistesschule gemacht hat. Er hat es gewagt, diese Briefe zu verschicken, weil ihm die spirituelle Grundlage dieser Geistesschule im Lauf der Jahre zur Gewissheit geworden ist, und weil er anderen diese Grundlage gerne vermitteln möchte.
Die Leser sollten jedoch wissen, dass er selbst keine unmittelbaren spirituellen Erfahrungen gemacht hat, also kein Eingeweihter ist, wie es die Gründer dieser Geistesschule, C.W. Leene, Han Leene (Jan van Rijckenborgh), und Hendrikje Stokhuiser (Catharose de Petri) waren. Er verhält sich zu diesen Gründern etwa so, wie der Benutzer einer Landkarte, der sein Wissen weitergibt, zum Wanderer, der die Berge, Flüsse, Ebenen und Wälder auf dieser Karte erkundet hat und den Weg zum Ziel, dem höchsten Berg, selbst gegangen ist. Ein solcher Wanderer kann mit vollem Recht eine solche Karte erstellen. Aber wer, wie der Verfasser dieser Briefe, die Landschaften zwar nicht selbst erlebt hat, doch den Sinn dieser Landkarte und die Zuverlässigkeit früherer Wanderer in seinem Leben geprüft hat, darf seine Einsichten gewiss weitergeben.
Insbesondere kann er den Landkartenlesern beim Verständnis der heiligen Schriften und Religionen der Vergangenheit helfen. Er hofft, dass sie sich allmählich eigenständig Zugang zu diesen spirituellen Schätzen, einschließlich der Schriften der Gründer der Geistesschule des Rosenkreuzes, erarbeiten werden. So werden sie ein immer besseres Unterscheidungsvermögen dafür gewinnen können, ob die Landkarte und der darauf verzeichnete Weg zum Ziel zuverlässig ist.
Denn gerade heutzutage gibt es unzählige Weg-Angebote, die ganz gewiss nicht zum Ziel führen oder höchstens Umwege sind.

So weit geht die eigene Lebenserfahrung des Verfassers.

Es ist ihm klar, dass seine Briefe sowohl von Schülern der Geistesschule als auch von Mitgliedern anderer Schulen, als auch von Neulingen auf diesem Gebiet - jedenfalls Wahrheitssuchern - gelesen werden. Nicht alles wird von allen sogleich und gleich gut verstanden werden. Aber es ist ihm wichtig, überhaupt eine solche Landkarten-Orientierung zu geben, wobei er sich unbedingt auf die Primärerfahrungen der Gründer dieser Geistesschule stützt. Er will, im Sinn dieser Landkarte, allen Wahrheitssuchern den Weg zeigen, der unmittelbar zum Ziel führt, damit auch sie, von den Texten berührt, den Weg beginnen können.

Um die Grundzüge dieses Weges noch einmal zusammenzufassen: Die jetzige irdische Menschheit ist eine aus der ursprünglichen göttlichen Welt-Ordnung in eine niedrigere Welt-Ordnung "gefallene" Menschheit. Gott hatte in jedes Mitglied der ursprünglichen, unmittelbar durch sein Wort aus ihm hervorgegangenen Menschheit seine eigenen Eigenschaften gelegt, die wie in einem Keim noch unentfaltet warten. Diese Mitglieder der ursprünglichen Menschheit sollten in Freiheit ein Bewusstsein von ihrem göttlichen Ursprung und eine bewusste Verbindung und Zusammenarbeit mit diesem Ursprung entwickeln. Gott will Wesen seiner eigenen Art haben, selbstständig, liebend, schöpferisch, frei. Da Gott selbst frei ist, ist diese Freiheit in seinen Geschöpfen von Anfang an verankert. Doch brauchen sie Entwicklungshilfe, solange sie noch nicht bewusst und erwachsen sind. Es kann aber sein, dass sie vorschnell auf sich selbst und die eigenen Fähigkeiten vertrauen oder ihren Entwicklungsprozess zu langsam vollziehen.
Dadurch trennten sie sich in der Urvergangenheit allmählich von ihrem Schöpfer, gerieten in einen Zustand langsamerer Schwingung, von der göttlichen Welt abweichender Struktur und konnten nicht mehr im Einklang mit den ursprünglichen Weltstrukturen und -schwingungen leben. So wurden sie von den göttlichen Schwingungen und Strukturen abgeschnitten, erhielten zu wenig Nahrung für ihre Existenz und wurden sterblich.
Wir sind es, die heutige Menschheit.
Da aber Gott niemals "die Werke seiner Hände lässt", richtete er, bildlich gesprochen, eine "Quarantänestation" für uns im Weltraum ein. Es ist unsere irdische Welt-Ordnung mit niedrigerer Schwingung und anderer Struktur. Die "Quarantäne" verhindert, dass wir die ursprüngliche Menschheit ebenfalls verderben, zu unserer niedrigeren Schwingung herabziehen und damit "anstecken". Andererseits haben wir die Möglichkeit, von dieser niedrigeren Ebene aus auf Einflüsse aus der göttlichen Welt zu reagieren und Wege zur Rückkehr einzuschlagen.
Deshalb hat Jan van Rijckenborgh unser irdisches Gebiet "Notordnung" genannt, was zweierlei bedeutet: Erstens wurde von Gott für uns, die von ihm getrennte Menschheit, eine Ordnung, ein Lebensfeld niedrigerer Schwingung und von der göttlichen Welt abweichender Struktur geschaffen, damit wir, die von Gott getrennte Menschheit, nicht völlig im weiten, erbarmungslosen Weltraum vereinsamten und untergingen. Diesem "Notzustand" half die Ersatzordnung wenigstens vorübergehend ab. Sie war aber zugleich dazu gedacht, der "Not" auf Dauer abzuhelfen, indem uns von Gott getrennten Menschen ein Weg zur Rückkehr in die göttliche Welt eröffnet wurde.
Zwei Aspekte hat dieser Weg. Der eine ist das "Karma", das Gesetz von Ursache und Wirkung. Es ist eine göttliche Einrichtung, die das abweichende Verhalten der Menschheit immer wieder korrigiert und Bewusstsein davon erzeugen soll, dass sie von Gott getrennt ist. Der zweite Aspekt ist die "Gnade". Zu allen Zeiten kommen Botschafter aus der göttlichen Welt in die von Gott getrennte Notordnung, um in den Menschen, zusätzlich zu den vom Karma bewirkten Einsichten, Einsicht in ihren jetzigen Zustand und Hilfe beim Weg zurück zu bewirken - falls sie ihn gehen wollen.
Solche Einsichten und Hilfen waren und sind bei allen ursprünglichen Religionen bzw. Geistessschulen und ihren Gründern zu erkennen. Wie die Rückkehr aus der irdischen Notordnung in die göttliche Ordnung bewerkstelligt werden kann, wird in diesen Religionen und Geistesschulen beschrieben. Einige von ihnen werden in den folgenden Briefen genauer vorgestellt werden: Die Gnosis, eine Bewegung parallel zum ursprünglichen Christentum, die klassischen Rosenkreuzer vom Anfang der europäischen Neuzeit, die heutige Geistesschule des Rosenkreuzes, und, vor allem, das ursprüngliche Christentum, das seine aus der Notordnung befreiende Kraft bisher noch kaum entfalten konnte. Den heutigen Menschen sind die Gründe dafür noch kaum bewusst: Es wurde in Formen weitergegeben, die seine ursprünglichen Grundlagen und Ziele entstellt haben.
Leser, die der Geistessschule des Rosenkreuzes angehören, werden auf Grund der Bestätigung durch frühere Religionen eine Stärkung auf ihrem Schülerweg erhalten, und Leser, die als Wahrheitssucher im Leben stehen, werden von den Ausstrahlungen all dieser Bewegungen bewusst oder unbewusst berührt werden. Deshalb ist es nicht vergeblich, sich mit diesen Gruppen zu befassen, auch wenn der Betreffende keinen Schülerweg einschlägt. Wer von der göttlichen Welt gerufen wird, wird eines Tages Kontakt zu einer Geistesschule finden. Vor allem sollte der Leser auch bedenken, dass er das Vorgetragene zwar mit dem Verstand so gut wie möglich verstehen sollte. Doch dabei sollte es nicht bleiben. Er sollte versuchen, es ohne Anstrengung auf sich wirken zu lassen. Nur dann öffnet er ihm den Weg ins Herz, wo sein Geistfunke auf Nahrung wartet.

Bei allen Ausführungen dieser Briefe werden die von den Gründern der Geistesschule des Rosenkreuzes gegebenen Hinweise und unverzichtbaren Grundlagen des befreienden Weges im Vordergrund stehen. Ihre Bücher werden genannt und zitiert werden. Der Leser der Briefe wird prüfen können, ob die Verfasser dieser Bücher sich auf die fundamentalen Grundlagen des befreienden Weges beziehen. Denn das ist die Absicht der Briefe: Etwas ungemein Wertvolles, das durch die Geistesschule des Rosenkreuzes in die Welt gekommen ist, zu bewahren, Entstellungen zu beseitigen, seine Kraft fruchtbar zu machen und in die Zukunft hinein weiterzutragen. Hatte nicht auch Jan van Rijckenborgh davon gesprochen, dass der Menschheit ein 600-jähriges besonderes Zeitfenster für diesen Weg zur Verfügung steht? Danach werden geänderte Verhältnisse eintreten.

Zurück zur Möglichkeit, aus der Quarantänestation, der Notordnung, unserer irdischen Welt, in die göttliche Welt zurückzukehren. Die Gründer dieser Geistesschule haben unermüdlich betont, dass kein Bewohner dieser Notordnung im gegenwärtigen Zustand, sei er auch noch so verfeinert, in die göttliche Naturordnung zurückkehren kann. Die Schwingungsschlüssel und Strukturen beider Ordnungen und ihrer Bewohner unterscheiden sich zu sehr von einander.
Wir irdischen Menschen, von der Erde, sind sterblich. Die Substanz, aus der wir aufgebaut sind, lässt sich nicht in die qualitativ andere Substanz der göttlichen Welt überführen, auch nicht durch noch so intensive Verfeinerung. Und die Struktur, in der wir aufgebaut sind, ist der Struktur der Bewohner der göttlichen Ordnung entgegengesetzt. Aber wir als irdische Menschen sind gewöhnt, unsere eigenen Wege zu gehen, und glauben, unsere Struktur und Schwingung der göttlichen Welt anpassen zu können.
Nein, sagte Jan van Rijckenborgh immer wieder. Das ist nicht möglich. Es gibt nur den Weg, auf der Grundlage der göttlichen Schwingungen und Strukturen die irdischen Schwingungen und Strukturen unseres Körpers allmählich abzubauen und durch die göttlichen Schwingungen und Strukturen ersetzen zu lassen. Die göttlichen Strukturen und Schwingungen können von unserem Geistfunken, dem letzten Überbleibsel der göttlichen Welt in unserem Herzen, aufgefangen werden, sich allmählich in unserem alten Körper verbreiten und den Aufbau eines neuen Körpers innerhalb des alten ermöglichen. Diesen Prozess nennt Jan van Rijckenborgh "Transfiguration", das ist Ersetzung der alten, irdischen, sterblichen Persönlichkeit, durch eine neue, unsterbliche Persönlichkeit.
Diese Aussage über die Befreiung unseres göttlichen Wesens aus der Gefangenschaft in der irdischen Welt und Körperlichkeit hat eine unerbittliche Logik, die vor allem schon im frühesten Christentum betont wurde. Zum Beispiel sagte Jesus immer wieder: "Wer sein Leben verlieren will um meinetwillen - um des Jesusprinzips im Herzen willen -, der wird das wahre Leben gewinnen." -"Wer aber sein Leben behalten will, der wird es (das wahre Leben) verlieren" (Matthäus 16, 25).
Auch die gegenwärtige Geistesschule des Rosenkreuzes betont unermüdlich diese Notwendigkeit, um den Menschen die Befreiung aus der Welt des Todes und der Leiden zu ermöglichen. Es ist der einzige Weg, der zur Befreiung des wahren Menschen in uns führt - und dabei der kürzeste Weg. Was hülfe es den Wahrheitssuchern, wenn die Geistesschule Kompromisse in dieser Hinsicht machen würde? So würde die Befreiung, das Ziel, für das die Geistesschule angetreten ist, nicht erfüllt. Und von einer der Wahrheit verpflichteten Geistesschule ist doch zu erwarten, dass sie die Wahrheit oder Unwahrheit um der Wahrheit willen auch beim Namen nennt.

Ein Missverständnis taucht immer wieder auf: dass nämlich unsere irdische Notordnung "schlecht" oder "böse" sei. Sicher, das "Böse", zum Beispiel die Versuche, diese irdische Naturordnung betrügerisch in einem besseren Licht erscheinen zu lassen, als sie es verdient, und so den Weg zur göttlichen Ordnung zu verhindern, ist die Absicht mancher Vertreter der irdischen Naturordnung. Aber diese hat in der Tat eine unerlässliche Funktion für uns, solange wir noch auf dem Weg zurück sind. Es kommt nur darauf an, dass wir ihr keine größere Bedeutung einräumen, als sie hat. Die sterbliche, irdische Persönlichkeit ist vorläufig notwendig für den Weg, sie muss ihn in der irdischen Welt verwirklichen. Sie muss daher auch in einem guten Zustand gehalten werden. Sie braucht körperliche und seelische Nahrung aus der irdischen Welt.

Es geht aber um das Ausmaß der Aufmerksamkeit, die wir ihr schenken. Jan van Rijckenborgh sprach vom "biologischen Minimum", das wir ihr zuwenden sollten. Ein gewisses Maß an Lebensfreude und Wohlbefinden wird uns guttun. Andererseits ist ein möglichst großes Pflichtbewusstsein auf dem Weg erforderlich. Welches Maß jeder Schüler den Einflüssen der irdischen Welt zugesteht, liegt in seinem Ermessen.

Trotzdem gilt die Wahrheit: Das alte Wesen muss im neuen aufgehen, "sterben", wenn das Neue wirksam werden soll. Aber auch wenn wir diese Notwendigkeit eingesehen haben, auch wenn sich der Geistfunke in unserem Herzen nach Befreiung sehnt und die sterbliche Persönlichkeit von innen her auffordert, "weniger zu werden, damit eine unsterbliche Persönlichkeit auferstehen kann" - trotzdem versuchen wir unaufhörlich, dieser Notwendigkeit auszuweichen. Wir wollen unsere Selbstständigkeit und unser Vertrauen in die eigene Leistung nicht aufgeben.

Zwei prinzipielle Wege des Ausweichens wurden und werden immer erneut versucht.
Erstens glaubt der sterbliche irdische Mensch, Körper und Seele durch Übungen so verfeinern zu können, dass er der Struktur und Schwingung nach zu einem unsterblichen Menschen wird. Das ist aber unmöglich. Hier gilt: "Es ist kein Annehmen der Person bei Gott" (Römer 2, 11). Mag der Mensch seine seelischen Schwingungen noch so sehr erhöhen - ihre Qualität wird doch immer den Schwingungen der irdischen Welt, seien es auch die höchsten, entsprechen. Die Schwingungen der göttlichen Gedanken, Liebesstrahlungen und Willensäußerungen wird er nie erreichen. Sie kann er nur über seinen Geistfunken im Herzen aufnehmen, der von vornherein ihrer Art entspricht. Denn der Geistfunke ist aus Gott geboren und unsterblich. Und wenn sie in ihm wirken und er seine Ich-Persönlichkeit durch sie verändern, weniger werden und schließlich dem Ich nach ersterben lässt, werden die neuen, im Herzen aufgenommen Strahlungen sein ganzes Wesen durchdringen und in die göttliche Welt einführen. Dann wird er wieder ein Bewohner der göttlichen Welt geworden sein.
Noch deutlicher ist, dass die Struktur seiner irdischen Persönlichkeit niemals der Struktur der göttlichen unsterblichen Persönlichkeit wird gleichen können. Können wir uns vorstellen, dass unser festes Knochengerüst mit deutlich umrissenen Organen vom lichten Geistleib des göttlichen Menschen ersetzt werden könnte, mit dem Jesus aus dem "Grab" dieser irdischen Natur auferstand, um in die Dimension der göttlichen Welt einzutreten? Dass unsere sterblichen Sinnesorgane, die immer nur einen Ausschnitt der Wirklichkeit wahrnehmen, gegen unvergängliche Sinnesorgane eingetauscht werden, die im ganzen Geistleib wirken und von allen Seiten her Wahrnehmungen empfangen? Dass unser Ich, das als Subjekt alle Dinge und Wesen als Objekte auffasst, verschwunden ist, und dass unser neues Wesen, wie es Paulus ausdrückt, "erkennt, gleich wie es erkannt wird"? Dass jetzt "unser Erkennen Stückwerk ist, dann aber werde ich völlig erkennen, wie ich auch völlig erkannt worden bin"? "Jetzt sehe ich undeutlich wie mittels eines Spiegels in rätselhafter Gestalt", das heißt in unscharfen Begriffen. Dann aber werde ich "von Angesicht zu Angesicht" schauen, ohne Vermittlung durch äußere Sinne (1. Korintherbrief 13, 12).
Und zuguterletzt: Können wir uns vorstellen, dass in der göttlichen Welt keine Geschlechtertrennung, keine Sexualorgane, keine seligen oder unseligen Liebesumarmungen mehr existieren werden, weil der befreite Mensch Teil der göttlichen Liebe ist, wie Jesus selbst? Hatte nicht Jesus zu den Schriftgelehrten gesagt: "Die Söhne (Töchter) dieser Welt heiraten und werden verheiratet. Die aber, welche gewürdigt worden sind, jener Welt und der Auferstehung von den Toten teilhaftig zu werden, heiraten nicht und werden nicht verheiratet. Sie können ja auch nicht mehr sterben, sondern sind Engeln gleich und sind Söhne (Töchter) Gottes, indem sie Söhne (Töchter) der Auferstehung sind"? (Lukas 20, 34-36).

Der zweite Weg des Ausweichens, auf dem irdische Menschen die Befreiung von der irdischen Welt erreichen wollen, ohne die Grundbedingung dafür zu erfüllen, besteht darin, dass versucht wird, die irdische Naturordnung zu verbessern - so sehr und so weit zu verbessern, dass sie allmählich der göttlichen Weltordnung, oder, wenn eine solche gar nicht anerkannt wird, zu einer Ordnung wird, in der absolute Gesundheit, Freiheit, Unsterblichkeit und so weiter verwirklicht wären. Auch hier vergisst das irdische Ich auf dem befreienden Weg oft, dass es sich völlig von dieser irdischen Naturordnung lösen muss, um dem göttlichen Leben, das aus dem unsterblichen Geistfunken entstehen soll, Platz zu machen. Das Ich versucht in eigener Regie, durch eine immer gerechtere Sozial- oder politische Ordnung, heutzutage besonders durch medizinische Technik und Digitalisierung, diese Verbesserung zu erreichen. Man kennt solche Verbesserungsversuche schon aus der Vergangenheit: Sie sind noch immer an der biologischen und seelischen Beschaffenheit der Menschen gescheitert. Aber es gibt aktuelle Pläne, diese Beschaffenheit zu ändern und einen unsterblichen Menschen zu erzeugen, der in einer allseits glücklichen gesellschaftlichen Umwelt lebt.
"Transhumanismus" heißt dieses Ziel. Der einzelne Mensch soll durch künstliche Organe und Impfungen zu einem körperlich und seelisch vollkommenen Menschen gemacht werden, der sich den Diktaten einer Elite unterwirft. Denn individuelle Freiheit kann es für einen solchen Menschen nicht geben, weil er vollständig von den Vorgaben dieser Elite, deren Weltbild und deren Techniken abhängig gemacht wird. Es gab schon einmal eine religiöse Diktatur dieser Art, Dostojewski hat sie im "Großinquisitor" beschrieben (einem Teil seiner "Brüder Karamasow"). Angezielt wird von den Transhumanisten eine ähnliche Diktatur mit "glücklichen" Menschen, die sich ohne Selbstständigkeit und Freiheit einer solchen Gesellschaft einordnen würden, um ein "risikofreies" Lebens zu führen. Nur eine kleine Elite würde die große "Last" auf sich nehmen, eine solche Gesellschaft zu lenken.
Doch das ist nicht das Ziel der menschlichen Entwicklung, wie es im Menschen seit seinem göttlichen Ursprung angelegt ist. Dieses Ziel ist Freiheit eines neuen Menschen, der bewusst einen Weg zur Rückkehr in die göttliche Welt einschlägt, und eine Gemeinschaft solcher freien Menschen, die ihre Bestimmung in der Welt erkannt haben und sie bewusst leben wollen. Solche Menschen werden nur entstehen, wenn sie eine "Wiedergeburt aus Wasser und Geist" erleben. Sie müssen erneut als Geistseelenmenschen "geboren" werden: aus der göttlichen Seelenwelt, dem "Wasser", der ursprünglichen Weltseele, und aus dem göttlichen "Geist", der in jedem Menschen als Geistfunke angelegt ist. Nur so können sie ihre Wiederverbindung mit Gott bewusst auf einem befreienden Weg zu verwirklichen.

Der Unterschied zwischen dem "transhumanistischen" Menschen und dem Schüler einer Geistesschule lässt sich an den unterschiedlichen Vorstellungen beider Menschentypen über Tod und Leben beschreiben. Der Schüler einer Geistesschule weiß, dass er als sterbliche Ich-Persönlichkeit in einem unsterblichen Mikrokosmos lebt, in einer "kleinen Welt", die in der "großen göttlichen Welt" enthalten ist. Nun stellen Sie sich vor, Sie hätten ein All-Bewusstsein, und Ihr jetziges Ichbewusstsein würde mit Ihrem Mikrokosmos im "Wasser" des unvergänglichen göttlichen Makrokosmos, der göttlichen Seelenwelt, und im "Licht" der unvergänglichen Geistsonne, des Christus, schwimmen, mit dem Rücken zum Wasser und zum Licht. Aus beiden Welten würden Einflüsse zu Ihrem Herzatom kommen, es berühren und anregen. Würden Sie da nicht Ihr kleines, sterbliches Ich als überaus klein empfinden, in seiner Selbstbezogenheit als Hindernis für die Berührung durch Wasser und Geist? Würden Sie nicht bei einer doch erfolgenden Berührung einverstanden sein, dass Ihr hinderliches Ich sich von den Strömungen des Wassers und den Strahlungen des Lichts vollständig verwandeln, ja "vernichten" lässt, damit ein anderes, unsterbliches Ich an seine Stelle träte? Dass ein "transfigurierter" Mensch an Stelle des Ichs entstünde, der wüsste und erlebte: Ich bin ein Ausdruck der Gesetze und Struktur des Mikrokosmos und des Makrokosmos?
Trotzdem würde das bisherige sterbliche Ich wissen: Ich habe eine Aufgabe, nämlich zu schwinden, damit ein solcher ewiger Mensch entstehe. In diesem Sinn sagt Johannes der Täufer von Jesus: "Ich muss weniger werden, er muss wachsen." Wenn während dieses einen Lebens, dieser einen Inkarnation des Mikrokosmos dieser ewige Mensch noch nicht entstanden ist, werde ich eben sterben, und das teilweise erarbeitete unsterbliche Ich mit seinem neu werdenden Bewusstsein würde noch nicht "auferstehen" können. Es würde mit dem Makrokosmos verschmelzen, bis neue Inkarnationen des Mikrokosmos die vom Makrokosmos gestellte Aufgabe erfüllt hätten.
Würden Sie bei diesem Gedanken nicht befreit aufatmen? Die Wichtigkeit, die sich das sterbliche Ich zuschreibt, würde relativiert werden. Seine Angst vor dem Tod würde relativiert werden. Denn der göttliche Makrokosmos würde in Ihrem Mikrokosmos weiterleben, ewig weiterleben, Auch die Bedeutung Ihres sterblichen Lebens würde relativiert werden, es bekäme sogar jetzt erst einen guten Sinn. Denn ein solcher Mensch lebt nicht ausschließlich dafür, letzten Endes dem Tod zu verfallen, sondern er lebt freudig und tapfer bis zum schließlichen Tod, um dem Mikrokosmos durch sein eigenes Zurücktreten mehr Bewusstsein über die ewige Bedeutung dieses Mikrokosmos zu schenken, bis dieser, nach wie vielen weiteren Inkarnationen auch immer, das "Rad von Geburt und Tod" verlassen kann.

Das Ich des gewöhnlichen Menschen dagegen kennt nur sich selbst und möchte sich selbst verewigen, obwohl es der Struktur und Schwingung nach sterblich ist. Deshalb hat es furchtbare Angst vor dem Tod. Es kennt das unendliche Wasser und das Licht des göttlichen Makrokosmos nicht, dessen Ausdruck eine neue Ich-Persönlichkeit werden soll. Für einen solchen Menschen ist die gegenwärtige Ich-Persönlichkeit und deren Leben Alles. Er kann sich einbilden, dass es zu verbessern ist und durch medizinisch-technische Methoden sogar unsterblich werden könnte. Es kann sich seine Todesangst wegsuggerieren. Aber der Mikrokosmos eines solchen Menschen wird nach dem Tod der sterblichen Ich-Persönlichkeit erleben, dass dieses Leben keinen Beitrag zur eigentlichen Aufgabe des Mikrokosmos geleistet hat. Im Gegenteil: Es hat die Aufgabe für die nächsten Inkarnationen noch erschwert, weil es sich so sehr gegen die Einflüsse des ewigen Makrokosmos, das "Wasser der neuen Seele" und das "Licht des ewigen Geistes" verschlossen hatte.

Einige Zeilen aus einem Spruch der Geistesschule des Rosenkreuzes mögen diesen Sachverhalt in aller Kürze verdeutlichen.

"So gibt es denn ein Leben, das seinem Tod zueilt, um nicht wiederzukehren. Auf der anderen Seite gibt es ein Leben, das die Grundlagen der Ewigkeit in sich birgt."

Der Schüler, der sein Leben auf den Grundlagen der Ewigkeit in seinem Mikrokosmos führt, wird es in der Freude führen, dass es seinen ewigen Sinn hat. Und er wird weniger Angst vor dem Tod haben, weil er sich im ewigen Makrokosmos aufgehoben fühlt. Er wird auch weniger Angst vor transhumanistischen Aktionen haben, die ihm seine Freiheit rauben wollen. Denn seine Freiheit liegt im ewigen Makrokosmos, der sein ganzes vergängliches Wesen und die Welt der Vergänglichkeit umfasst.

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