Gnostisches Christentum - Forum für ein gnostisch-rosenkreuzerisches Christentum - 12. Brief

12. Brief, München - April 2022



"Kommt und seht selbst" (Johannes 1, 39)

Briefe zum gnostischen Christentum


Das "Evangelium nach Philippus"
(Seitenzahlen beziehen sich auf "Apokryphe Evangelien aus Nag Hammadi", Ausgabe 1988.)

Das "Evangelium nach Philippus" gehört zu den sogenannten Nag-Hammadi-Schriften. Es wurde etwa in der Mitte des 2.Jahrhunderts nach Christus niedergeschrieben, enthält aber mündlich überlieferte Sprüche und Szenen, die bis ins Leben Jesu und seiner Schüler zurückreichen. Es beschreibt den universellen spirituellen Weg auf eine Art, die auf Erfahrungen der Schüler von Jesus dem Christus zurückgeht.
Es kann als Muster gesehen werden, das auch dem fünfstufigen gnostischen Weg der Geistesschule des Rosenkreuzes zu Grunde liegt.

Wie sieht im "Evangelium nach Philippus" unser gewöhnliches Leben aus?

"Ein Esel, der um einen Mühlstein im Kreis ging, ging und ging und legte hundert Meilen zurück. Als er endlich losgemacht wurde, befand er sich wieder am Ausgangspunkt. So gibt es auch Menschen, die bringen große Entfernungen hinter sich und kommen doch keinen Schritt weiter. Wenn es Abend wird, haben sie keine Stadt und kein Dorf, kein Geschöpf und keine Natur, keine Macht und keinen Engel gesehen. Vergeblich haben sie sich bemüht, die Elenden." (S.109)

Ist das nicht ein treffendes Bild für uns und unser gewöhnliches Leben? Wie Esel gehen wir mühsam in einer Tretmühle im Kreis. Wenn es Abend wird, wenn sich der Tod nähert, haben wir nichts Wesentliches gesehen. Wir sind vielleicht viel gereist, haben große Entfernungen hinter uns gebracht, sind aber doch keinen Schritt weitergekommen. Das heißt, wir haben unser Inneres, unseren spirituellen Kern, unser wahres Selbst, nicht entwickelt.
Nur an unseren Erfolg, unsere Sorgen und Vergnügungen haben wir gedacht und alle Energien sinnlos darauf verschwendet "Vergeblich haben sie sich bemüht, die Elenden." (S. 109)
Doch es wäre möglich, ein sinnvolles Leben zu führen und die spirituellen Möglichkeiten, die Augen des Herzens, zu entwickeln, die uns die Wahrheit über uns selbst, über die Welt und über Gott zeigen würden.

Denn "es gibt Menschen, die aus der Wahrheit stammen, und nach der Wahrheit trachten." (S. 94)
Die Wahrheit ist das Wesen der göttlichen Welt, das Wesen Gottes. Wir sind als Menschen unserem eigentlichen Wesen nach aus Gott hervorgegangen, wir sind, wie es die Bibel ausdrückt, "Ebenbilder Gottes". Wir stammen also aus der Wahrheit.
Und weil einige von uns diese Möglichkeit, diese Berufung spüren, die in uns allen angelegt ist, schlagen sie einen inneren, spirituellen Weg ein, auf dem sich dieses "Ebenbild Gottes" entfaltet, dieser Geistfunke aufflammt und sich die Augen des Herzens entwickeln, bis sie die göttliche Welt schauen. (Vgl. Matthäus 5, 4)

Die erste Stufe des Weges ist bereits diese Einsicht: Es liegt in uns eine unvergängliche geistige Anlage verborgen. Sie kann sich nicht entfalten, weil wir zu sehr in die vergängliche Welt verstrickt sind. Es ist also notwendig, diese Verstrickung aufzulösen. Das "Evangelium nach Philippus" drückt das so aus:

"Alle, die in der Welt gezeugt werden, werden durch die Natur gezeugt. Die andern durch den Geist. Die vom Geist Gezeugten schreien von ihrem unteren Ort nach dem vollkommenen Menschen hinauf, nach dem Ziel der Verheißung, die von oben herabkommt." (S.103)

Wer einsieht, wie sinnleer und unfruchtbar sein gewöhnliches Leben ist, sehnt sich danach, diese andere Lebensmöglichkeit zu verwirklichen. Der "schreit" von seinem unteren Ort, von der Welt der Vergänglichkeit und des unvollkommenen Menschen aus, nach dem vollkommenen Menschen in der göttlichen Welt. Den will er verwirklichen, das "Ebenbild Gottes", den Zustand der Wahrheit, aus der er stammt, das Ziel der Verheißung, die "von oben herabkommt".
Er schreit nach einem anderen Leben, weil er schon davon berührt ist und es mit all seinen Kräften begehrt. Dieses Begehren nach dem vollkommenen, dem heil gewordenen Menschen ist die zweite Stufe des spirituellen Weges. Aus der Einsicht in den fruchtlosen gegenwärtigen Lebenszustand und der Einsicht, dass in uns ein vollkommener Mensch angelegt ist, erwächst der heiße Wunsch, heil zu werden.

Durch dieses Heilbegehren, dieses Schreien nach dem vollkommenen Menschen zieht so jemand auch schon die göttlichen Kräfte an, die ihm bei der Verwirklichung seines Ziels behilflich sind. Das "Evangelium nach Philippus" sagt:

"Diese Welt nährt sich von Leichen. Alle Dinge, die man in ihr isst, sind sterblich. Die Wahrheit aber nährt sich vom Lebendigen. Deshalb wird niemand, der sich von der Wahrheit nährt, sterben." (123)
"Die Wahrheit aber nährt sich vom Lebendigen." Wer nach der Wahrheit "schreit", wessen "Ebenbild Gottes" wach geworden ist, der zieht Kräfte an, die dieses "Ebenbild Gottes" nähren und wachsen lassen. Es kann sich entfalten. Und es ist selbstverständlich: Das "Ebenbild Gottes" ist lebendig und ewig und kann sich deshalb nur von lebendigen, ewigen, göttlichen Kräften nähren. Dagegen sind wir als irdische Menschen sterblich und nähren uns von sterblichen irdischen Kräften. "Diese Welt nährt sich von Leichen."
Das ist sehr drastisch ausgedrückt. Doch als Sterbliche können wir nicht anders, als uns von sterblichen Dingen, von "Leichen", zu nähren. Das gilt nicht nur für den Körper, sondern auch für die Seele und den Verstand.
Unsterblich sind und bleiben wir nur als "Ebenbilder Gottes", die sich von lebendigen göttlichen Kräften nähren. Zur Verfügung stellen uns diese Kräfte die Eingeweihten der Menschheit, die uns auf dem spirituellen Weg vorausgegangen sind und noch vorausgehen. Dadurch, dass sie selbst den Weg gehen, setzen sie die lebendigen Kräfte, die wir brauchen, frei.

Der große Eingeweihte, auf den sich das "Evangelium nach Philippus" bezieht, ist Jesus, der Christus.

"Jesus kam von jenem Ort und brachte Nahrung von dort. Und allen, die wollen, gab er Leben, damit sie nicht stürben." (S.123)

Allen, die wollen: Allen, die wie Jesus den spirituellen Weg, gestärkt von un-irdischer Nahrung, gehen wollen. Und weiter:

"Selig ist der Knecht, der nie eine Seele irregeführt hat. Das ist Jesus Christus. Er begegnete allen auf der Welt, ohne erkannt zu werden, und legte niemandem eine Last auf. Deshalb ist er, da er so ist, selig, denn er ist ein vollkommener Mensch.
Er ist der Logos.
Richtet euch nach ihm, denn schwierig ist es, den vollkommenen Menschen zu erbauen ... Vor allem dürfen wir niemanden betrüben, keinen Großen und keinen Kleinen, keinen Ungläubigen und keinen Gläubigen" (S.131/132).

Jesus, das Muster des vollkommenen Menschen, der Prototyp des wahren Selbstes, das auferstandene "Ebenbild Gottes", lebt aus den unerschöpflichen göttlichen Kräften. Und deshalb kann er jedem, der danach verlangt, die lebendige Nahrung von oben geben, die zum Gehen des Weges notwendig ist. Er hat nicht so einfach die Menschen erlöst, wenn sie nur an ihn glauben. Er ist vielmehr der Kraftquell in und außerhalb eines Geistesschülers, aus dem dieser Kraft beziehen kann, um ihm nachzufolgen und ihrerseits den "vollkommenen Menschen" zu erbauen. Ihm nachzufolgen, das bedeutet unter anderem: "niemanden betrüben, keinen Großen und keinen Kleinen, keinen Ungläubigen und keinen Gläubigen".

Ist aber dieses "Ebenbild Gottes" in uns einmal ein wenig gewachsen und der vollkommene Mensch bis zu einem gewissen Grad erbaut, so kann er die dritte Stufe des spirituellen Weges besteigen. Es geht dabei darum, die Abhängigkeit von den sterblichen Dingen bewusst aufzulösen. Der Schüler muss sich dem Lebendigen zuwenden und vom Sterblichen abwenden.

Wie aber wird er von den irdischen Bindungen frei? Das "Evangelium nach Philippus" gibt die Empfehlung:
"Fürchte dich nicht vor dem Fleisch. Liebe es aber auch nicht. Fürchtest du dich davor, wird es Herr über dich. Liebst du es, verschlingt und erwürgt es dich."

Das "Fleisch" ist unser irdisches Wesen und das der irdischen Welt - eben alles, was mit unserer Körperlichkeit und dem damit verbundenen Ich zusammenhängt. Stolz und Ehrgeiz, Macht- und Glückshunger, Angst und Illusion - alles das ist "Fleisch". Das kräftiger gewordene "Ebenbild Gottes" aber nimmt eine neutrale Position gegenüber dem "Fleisch" - all diesen irdischen Kräften - ein. Es fürchtet sich nicht vor der Überwältigung durch Leidenschaften, Ängste und Gewalt. Denn Furcht davor würde diese Dinge zum Herrn über den Schüler machen. Er begehrt andererseits seine Illusionen, Träume und schönen Objekte auch nicht mit Besitz ergreifender Liebe, seien es Menschen, seien es Dinge. Denn das würde ihn zum Sklaven anderer Menschen und Dinge machen, die sein "Ebenbild Gottes" verschlingen und erwürgen würden.
Der Schüler wird nicht dadurch von irdischen Bindungen und Täuschungen frei, dass er sie bekämpft. Das wäre erzwungene Askese, die erst recht an die irdische Welt binden würde. Vor dieser Sackgasse warnt das "Evangelium nach Philippus":

"Solange die Begierden des Menschen im Verborgenen sind, bleiben sie bestehen und leben. ...
Ebenso ist es bei einem Baum. Solange seine Wurzel verborgen ist, wächst er und lebt. Kommt aber seine Wurzel zum Vorschein, verdorrt der Baum.
Solange die Wurzel der Bosheit verborgen ist, ist sie stark. Wird sie aber erkannt, löst sie sich auf. Wird sie sichtbar, schwindet sie dahin ...
Deshalb sagt das Wort: "Die Axt ist schon an die Wurzel der Bäume gelegt." Die Axt ist nicht dazu da, abzuhauen. Was man abhaut, wächst wieder nach. Sondern die Axt gräbt hinunter bis zum Grund, bis sie die Wurzel heraufbringt. Sie wird ausgerissen, indem wir sie erkennen" (S.135/136).

Das ist die Methode, das "Fleisch" zu überwinden. Die Wurzel der Bosheit bekämpfen, sie abhauen, nützt nichts. Sie würde wieder nachwachsen. Jeder, der einmal versucht hat, eine Schwäche zu bekämpfen, hat das erlebt. Man kann sie einigermaßen unterdrücken. Aber sie wächst wieder nach und bricht dann um so unwiderstehlicher hervor. Sie zu überwinden ist nur möglich, wenn das "Ebenbild Gottes" schon wach geworden ist und wenn einer spürt, dass die Schwächen, die Wurzeln der Bosheit, ein Hindernis für die weitere Entfaltung des wahren Selbstes sind.

Wer diese Arbeit der Selbstübergabe an das "Ebenbild Gottes" im eigenen Wesen standhaft durchhält, wird erleben, wie es immer kräftiger und freier wird und allmählich zu selbstständigem Handeln übergehen kann. Er wird sich voller Freude aus der Welt der "Leichen" in die Welt der lebendigen Wahrheit erheben und aus ihr leben. Er wird mit einer neuen Liebe, Kraft und Freude für Menschen und Dinge, für das "Ebenbild Gottes" in allen anderen Wesen, arbeiten. Das ist die vierte Stufe des Weges, die neue Liebe, die neue Lebensführung.
"Der Glaube empfängt, die Liebe gibt. Niemand kann empfangen ohne Glauben. Niemand kann geben ohne die Liebe. Daher glauben wir, damit wir empfangen, und wir lieben, damit wir wahrhaft geben" (S.107)

Bisher hatte der Schüler empfangen. Er war aufgeschlossen für die göttlichen Kräfte und ihre Nahrung gewesen. Das war sein Glaube. Jetzt aber, auf der vierten Stufe, kann er das Empfangene auch weitergeben. Er gibt anderen göttliche Kräfte und Nahrung weiter. Das ist eine neue, schenkende Liebe, im Gegensatz zur Besitz ergreifenden Liebe des irdischen Menschen.
Dieser Zustand bedeutet, dass der Schüler die Sterblichkeit prinzipiell überwunden hat. Er ist weitgehend frei geworden von den irdischen Fesseln und der Ernährung mit "Leichen", die ihn sterblich macht und als irdischen Menschen dem Tod unterwirft. Das ewige, unsterbliche "Ebenbild Gottes", das wahre Selbst ist ihm bewusst geworden und wirkt in der Welt. Diesen Zustand bezeichnet das "Evangelium nach Philippus" als "Auferstehung".

Es versteht unter "Auferstehung" etwas anderes, als wir gewöhnlich darunter verstehen. Durch eine Jahrhunderte lange religiöse Erziehung haben wir uns an die Vorstellung gewöhnt, dass unser toter irdischer Körper von Gott oder Jesus am Jüngsten Tag wie durch ein Wunder wieder lebendig gemacht wird, um dann, wenn wir ein guter Christ gewesen sind, ewig im Himmel fortzuleben.
Das "Evangelium nach Philippus" gibt statt dessen eine klare, gar nicht wunderbare, gut einsehbare Definition von "Auferstehung". Wenn das "Ebenbild Gottes", das Äonen lang unter der Herrschaft des irdischen Körpers und der irdischen Welt wie tot darnieder lag, wieder bewusst und wirksam wird, dann ist das die "Auferstehung" des ewigen "Ebenbilds Gottes", des wahren Wesens, ins uns. Die Voraussetzung dafür ist, dass die Selbstbehauptung des irdischen Menschen, das "Fleisch", "erstorben" ist, wie es auf den drei ersten Stufen des Weges geschieht.

Die Auferstehung kann also schon vor dem Tod des physischen Körpers stattfinden. Der Schüler muss, während er noch lebt, sein altes, irdisches Ich bewusst "ersterben" lassen. Dadurch kann sein wahres Selbst, das "Ebenbild Gottes", ernährt von den göttlichen Kräften, "auferstehen".

"Diejenigen, die sagen: Zuerst stirbt man, dann ersteht man auf, irren. Wenn man nicht zuerst, noch bei Lebzeiten, die Auferstehung gewinnt, wird man im Tod nichts gewinnen" (S.122).

Die Auferstehung muss noch bei Lebzeiten gewonnen werden. Sie besteht darin, dass das unsterbliche "Ebenbild Gottes" in uns, das wie "tot", das heißt unbewusst und unwirksam war, bewusst und wirksam wird. Das wird dadurch möglich, dass der Schüler sein egozentrisches irdisches Ich, ebenfalls noch zu Lebzeiten, bewusst wie eine ans Licht gezogene Wurzel "ersterben" lässt.

Ein Zitat aus dem "Evangelium nach Philippus" fasst die Erlebnisse auf den ersten vier Stufen des Weges sehr schön zusammen.

"Die Ackerfrucht der Welt bedarf des Zusammenwirkens von vier Kräften. Eine Ernte wird in die Scheuern eingebracht nur durch die Wirksamkeit von Wasser, Erde, Wind und Licht.
Ebenso besteht die Frucht Gottes durch vier Kräfte: Glaube, Hoffnung, Liebe und Erkenntnis.
Unsere Erde ist der Glaube, in dem wir Wurzel fassen. Das Wasser ist die Hoffnung, durch sie ernähren wir uns. Der Wind ist die Liebe, durch sie wachsen wir. Das Licht aber ist die Erkenntnis, durch sie reifen wir" (S.131).

Im "Glauben", der ersten Stufe, der Offenheit für die göttlichen Kräfte, werden wir von ihnen berührt und gelangen zur Selbsterkenntnis, zur Einsicht in unseren gegenwärtigen Zustand, aber auch in unsere spirituelle Berufung. In der "Hoffnung", der zweiten Stufe, werden wir von den göttlichen Kräften wie in einem ununterbrochenen "Abendmahl" ernährt. In der "Liebe", das ist die "Salbung" durch die göttlichen Kräfte, die dritte Stufe, wachsen wir als spirituelle Menschen und lassen unsere irdischen Ängste und unseren Stolz hinter uns. Auf der vierten Stufe, der "Erkenntnis", reifen wir zur "Auferstehung", zur Bewusstwerdung des vollkommenen Menschen.

Nun zur fünften und letzten Stufe des spirituellen Weges. In jedem Menschen wirken, gleichgültig, ob Mann oder Frau, eine aktive und eine passive Kraft zusammen und ermöglichen seine Entwicklung.
Normalerweise gehen Gefühle und Gedanken getrennte Wege. Das Gefühl möchte sich anderen zuwenden, der Verstand andere ausnützen. Das hat auf dem spirituellen Weg ein Ende. Gefühl und Gedanke, weiblich und männlich, arbeiten zusammen, in jedem Schüler, ob Mann oder Frau, im Dienst der göttlichen Kräfte, die aus dem Herzen emporsteigen.

Diesen Zustand veranschaulicht das "Evangelium nach Philippus" durch die Zusammenarbeit zwischen Jesus, dem Symbol für das neue Denken, und Maria Magdalena, dem Symbol für das neue Gefühl. Da heißt es:

"Der Herr liebte Maria mehr als die anderen Schüler und küsste sie oft auf den Mund" (S.110).

Man hat aus solchen Stellen die Theorie abgeleitet, Maria Magdalena sei die Geliebte Jesu gewesen, und manche behaupten sogar, sie habe ein Kind von ihm bekommen. Doch was heißt: "Jesus küsste sie oft auf den Mund"? Der Kuss ist ein Symbol. Das "Evangelium nach Philippus" sagt:


Ein Schüler "wird durch das Wort aus dem Mund des Vaters am Leben erhalten. Sobald das Wort von oben herabkommt, kann sich der Mensch vom Wort, das durch den Mund des Vaters geht, nähren und vollkommen werden. So werden die Vollkommenen durch einen Kuss schwanger und gebären dann" (S.123).

Wenn also Jesus Maria Magdalena auf den Mund küsst, so bedeutet das, dass er ihr die lebendigen göttlichen Kräfte im Gegensatz zur "Leichennahrung" der irdischen Welt überträgt. Das neue Gefühl im Herzen, veranschaulicht durch Maria Magdalena, empfängt die neue Einsicht aus dem Haupt, veranschaulicht durch Jesus. Aus dem Zusammenwirken von Gefühl und Einsicht, Haupt und Herz kann der Weg gegangen werden.
So arbeitet die aktive männliche Kraft mit der passiven weiblichen Kraft von der ersten bis zur vierten Stufe des Weges zusammen, während das "Ebenbild Gottes", das wahre Selbst, zur Auferstehung heranreift.

Nach der Auferstehung arbeiten die weibliche und die männliche Energie auf einer noch höheren Ebene zusammen.

Stellen Sie sich vor, Sie sind, ob Schüler oder Schülerin, in Ihrem Bewusstsein, Ihrer Seele, völlig rein und still geworden, nur ausgerichtet auf die göttliche Welt. Sie werden "in der Ruhe gefunden", wie das "Evangelium nach Philippus" es ausdrückt. Da kann es geschehen, dass wie ein helles Licht, wie ein Feuer, die göttliche Welt in Ihr Bewusstsein eindringt und es erleuchtet. Die göttliche Welt mit all ihren Eigenschaften offenbart sich in Ihrem Bewusstsein. Das nennt man seit alters "Erleuchtung", und viele heilige Schriften berichten von einem solchen Ereignis: zum Beispiel von Buddha unter dem Bodhi-Baum, oder von Jesus nach der Taufe am Jordan. Der heilige Geist dringt in die neu gewordene Seele, ins Bewusstsein, ein und offenbart sich darin als siebenfältiges Licht, als Feuer des heiligen Geistes.
Diesen Vorgang nennt das "Evangelium nach Philippus" die heilige Hochzeit im "Brautgemach", die Vereinigung von erneuerter Seele mit dem göttlichen Geist, die fünfte und letzte Stufe des Weges, die Erleuchtung, durch welche der Schüler zum Eingeweihten wird.

"Die unbefleckte Hochzeit ist ein wirkliches Geheimnis. Sie ist nicht fleischlich, sondern rein. Sie entspringt nicht der Begierde, sondern dem (neuen, schöpferischen) Willen. Sie gehört nicht zur Finsternis und Nacht, sondern zum Tag und zum Licht."

Am Anfang des Weges stand die "Verheißung des vollkommenen Menschen", wie es das "Evangelium nach Philippus" nennt. Am Ende steht dieser vollkommene Mensch selbst, voll entfaltet.

Wie ist er beschaffen?


"Es ist mit der Wahrheit nicht so wie auf der Welt, wo der Mensch die Sonne sieht, ohne selbst Sonne zu sein, wo er den Himmel sieht und die Erde und alles übrige, ohne selbst Himmel, Erde und dergleichen zu sein. Sondern im Reich der Wahrheit siehst du etwas von ihr und wirst selbst zu ihr. Du siehst den Geist und wirst selbst zu Geist. Du siehst Christus: du wirst Christus. Du siehst den Vater: du wirst zum Vater. Hier auf dieser Welt also siehst du alle Dinge, siehst aber dich selbst nicht. In der anderen Welt jedoch siehst du dich selbst. Denn was du dort siehst, das wirst du selbst" (S.107).

Im "Reich der Wahrheit" stehen wir nicht mehr als Ich den Dingen und Wesen gegenüber und beurteilen sie. Das Ich-Bewusstsein ist verschwunden, und wir werden selbst zu den Dingen und Wesen. Wir werden eins mit ihnen. Wir haben die Augen des Geistes entwickelt, ein neues, kosmisches Bewusstsein. "Denn was du dort siehst, das wirst du selbst." Das ist der Zustand eines Eingeweihten.
Zu diesem Zustand, zu diesem Sein sind wir tatsächlich berufen. Wir besitzen die Anlage dazu in unserem Wesen. Jetzt ist diese Anlage noch wie "tot", sie schläft gewissermaßen. Doch auf einem spirituellen Weg kann sie erwachen und lebendig werden. Die Geistesschulen aller Zeiten waren ihren Schülern behilflich, sie zu entfalten. Jeder kann zumindest einen Anfang mit diesem Weg machen, an dessen Ende er die Erfüllung erlebt, eins mit der gesamten Menschheit.

Die meisten Menschen kennen diesen Weg nicht. Aber einmal werden sie ihn kennen und gehen. Bis dahin befinden sie sich so, wie es das "Evangelium nach Philippus" beschreibt:

"Wenn die Perle (das "Ebenbild Gottes") in den Schmutz (der irdischen Welt) geworfen wird, wird sie davon nicht minderwertig. Auch wird sie nicht wertvoller, wenn sie mit Balsam (den schönen Illusionen der irdischen Welt) gesalbt wird. Sie hat vielmehr stets den gleichen Wert bei ihrem Eigentümer. So ist es auch mit den Kindern Gottes (den "Ebenbildern Gottes"). Wo immer sie sind (im Schmutz oder in den Illusionen der irdischen Welt) - sie haben den gleichen Wert bei ihrem Vater (bei Gott)" (S.108).

Und es wird die Zeit kommen, wo sie diesen Wert erkennen und die Perle vom Schmutz und den Illusionen der irdischen Welt befreien.






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