04.09.25

Gnostisches Christentum - Forum für ein gnostisch-rosenkreuzerisches Christentum - 34. Brief

Briefe zum gnostischen Christentum 

„Kommt und seht selbst!“ (Johannes 1, 39) 

München, September 2025 

34. Brief  

Jesus tritt in Galiläa auf

 

Als nun Jesus, nachdem Johannes der Täufer gefangengesetzt war, in Galiläa auftrat, begann er damit, dass er „in Kapernaum Wohnung nahm“ (Matthäus 4, 13). Damit stand er im Einklang mit Jesaja, der vorausgesagt hatte: „Das Galiläa der Heiden, das Volk, das in der Finsternis saß, hat ein großes Licht gesehen, und die im Land und Schatten des Todes saßen, denen ist ein Licht aufgegangen.“ (Jesaja 9, 1-2). Und der Evangelist Matthäus zeigte mit diesem Zitat aus Jesaja, dass Jesus in der Tradition der großen Propheten Israels sprach, sofern diese dem Volk eine neue geistig-religiöse Zukunft, nicht eine politische Befreiung verheißen hatten. Außerdem knüpfte Jesus an Johannes dem Täufer an, als er wie dieser sagte: „Tut Buße, denn das Reich der Himmel ist genaht“ (Matthäus 3,2 und Matthäus 4, 17) – nicht ein irdisch-politisches Reich der Freiheit.


 Dass die Botschaft, die Jesus brachte, sich ausdrücklich nicht auf politische Veränderungen bezog, sondern auf eine Entwicklung des Menschen zu größerer innerer Freiheit, Selbstständigkeit und Verantwortung, geht aus den Ansprachen hervor, die Jesus an seine ersten Schüler richtete: „Meint nicht, dass ich gekommen bin, das Gesetz oder die Propheten aufzulösen. Ich bin nicht gekommen, aufzulösen, sondern zu erfüllen … Wenn eure Gerechtigkeit nicht besser ist als die der Schriftgelehrten und Pharisäer, werdet ihr nicht ins Reich der Himmel kommen.“ Und dann fährt er fort: „Ihr habt gehört, dass zu den Alten gesagt ist“ – und er zitiert ein Gebot des Mose nach dem anderen, um dann jeweils fortzufahren: „Ich aber sage euch“. Und damit bezieht er die äußerlich durchzuführenden Gebote des Mose auf innerliche, seelische Aufgaben seiner Schüler, zuerst Matthäus, Kap 5, das mit den Worten schließt: „Ihr nun sollt vollkommen sein, wie euer himmlischer Vater vollkommen ist“ (Vers 48) und weiter bis zu Kapitel 7, in dem es am Ende heißt: „Denn er lehrte sie wie einer, der Gewalt (Autorität) hat, und nicht wie ihre Schriftgelehrten.“

Er scharte einen Kreis von Schülern um sich, denen er diese neuen Lehren einprägte. Es waren Menschen, deren Offenheit für diese Erkenntnisse und für eine neue Lebensführung, eine radikal andere Grundlage der menschlichen Existenz sein würde. Als Jesus bemerkte, wie sie sich tatsächlich für die Worte und Lehren öffneten, die von ihm ausstrahlten, stellte er ihnen auch ihre neue Verantwortung vor Augen, die aus einer solchen inneren Seinsweise folgen musste: „Ihr seid das Salz der Erde. Ihr seid das Licht der Welt.“ Wer durch das Wesen und die Worte des Meisters berührt wurde und sie verstand, würde sie auch von sich aus weitergeben und andere für eine solche Lebensführung gewinnen. Ebenso überzeugte Jesus seine Schüler davon, dass aus einer solchen inneren Wandlung neue Verhaltensweisen folgen mussten: Eine neue Art zu beten, eine neue Art des Sozialverhaltens, ein Leben ohne dauernde Sorgen, ein ehrliches, wahrhaftiges, rücksichtsvolles Verhalten.

Und all dies lehrte er seine Schüler nicht aus moralischen Gründen, sondern weil sie, gerade als seine Schüler, erkannt und bemerkt hatten, dass der „Wille ihres Vaters in den Himmeln“ bereits in ihnen wirkte. Dieser Wille wirkte nicht als moralischer Befehl, sondern weil nur auf ungezwungene Weise eine Übereinstimmung zwischen ihrem innersten Wesen als Söhne und Töchter dieses „Vaters im Himmel“, dieses Elohim-Gottes, entstehen konnte. Und nur eine solche Übereinstimmung kann und wird allmählich ganz von selbst ein entsprechendes Verhalten hervorbringen. Der „Wille des Vaters“ wirkt als inneres Wachstum, wie bei einer Blume, die den in ihr liegenden Samen entfaltet, nicht als dauernder Zwang.

 

Wenn erzählt wird, dass Jesus Tausende von Menschen mit ein paar Broten und Fischen speiste und seine Schüler zur Austeilung dieser Speisen aufforderte, so war das nichts anderes als die bildhafte Darstellung dieses Verhältnisses zwischen ihm und seinem Vater im Himmel, dessen Gaben er empfing und seinen Schülern weitergab, damit sie die Gaben an die hungernden Menschen verteilten. Die „Brote“ sind Bilder für seine geistigen Lehren, welche seine Schüler an die nach Lebenssinn hungernden Menschen verteilten, und die „Fische“ sind Sinnbilder für die von ihm ausgehenden Seelenkräfte, etwa Mut und Ehrlichkeit, die den „Willen ihres Vaters im Himmel“ ausdrückten. Wenn jemand solche Lehren und Kräfte aufnimmt, brauchen sie dadurch nicht zu verschwinden, sondern sie wirken weiter in ihren Seelen und in den Seelen ihrer Freunde und Freundesfreunde, und können sich dadurch bis ins Unendliche vermehren.

Auch die Heilungen, die Jesus vollbrachte, waren keine Wunder, die nur damals und heute nicht mehr geschehen konnten. Es sind die von ihm ausgehenden und von seinen Schülern ausgehenden Seelenenergien, welche das Chaos der normalen Seelenverfassung ordnen, woraus sich auch leibliche Besserungen oder Heilungen ergeben können.

 

Mit diesem Verhalten zeigte Jesus deutlich, dass er keine politischen Absichten verfolgte, sondern nur eine neue geistig-seelische Entwicklung in dafür geeigneten Menschen hervorrufen wollte. 

 

Doch nun war die Zeit gekommen, dass Jesus sich nach Jerusalem begeben musste. Er hatte in Galiläa seine Geistesschule begründet und sein Ziel einer großen Weiterentwicklung des Menschen angekündigt. Er hatte in seinen Schülern Glauben und Energie, in vielen Menschen Vertrauen erweckt, dass er ein von Gott legitimierter Lehrer war. Diese Einstellung seiner Anhänger und Schüler zeigte sich ihm deutlich in einer Szene mit seinen Schülern. Er fragte sie: „Für wen halten die Leute den Sohn des Menschen?“ Schon dieser Ausdruck: „Sohn des Menschen“ zeigt, dass und wie er jetzt, nach diesen Vorbereitungen in Galiläa, seine Rolle im Geschehen auffasst: Er repräsentiert eine neue Menschheit, die geistig-seelische Essenz der neuen Menschheit. Also: „Für wen halten mich die Leute?“ Seine Schüler gaben zur Antwort: „Einige halten dich für Johannes den Täufer (eine Wiederverkörperung des kurz zuvor von Herodes Hingerichteten), einige für Elia oder andere wiederverkörperte Propheten.“ Jesus fragte weiter: „Für wen haltet ihr mich?“

Da antwortete Simon Petrus: „Du bist der Christus, der Sohn des lebendigen Gottes.“ Jesus antwortete: „Selig bist du Simon, Sohn des Jona; denn Fleisch und Blut hat dir das nicht offenbart, sondern mein Vater in den Himmeln.“

Aus der Antwort des Petrus erkennt Jesus, dass dieser, Wortführer der ganzen Schülerschar, und damit fast alle seine Schüler, inzwischen innerlich so weit entwickelt sind, dass sie vom „Vater in den Himmeln“ erleuchtet werden können, und eine Stufe des Bewusstseins erreicht haben, die er von Anfang an für sie angestrebt hatte.

Das beweist ihm, dass seine vorbereitende Aufgabe in Galiläa vollendet ist, und dass er jetzt zu seiner eigentlichen Aufgabe in Jerusalem, mit Hilfe seiner Schüler, übergehen kann. Wenn er außerdem von seinem „Vater in den Himmeln“ spricht, kann er nur die Elohim meinen, nicht den Gesetzesgott Jahwe, und wenn er sich „Sohn dieses Vaters“ nennt, so ist klar, dass er sich nicht als den Sohn des Gesetzesgottes Jahwe ansieht, sondern als den Sohn des Elohim-Gottes, der die welt- und menschheitsumspannende Liebe ist. 

Damit weist er ebenfalls auf seine Aufgabe voraus, die jetzt in Jerusalem auf ihn wartet: nämlich durch sein Leben und die Art seines Todes, die Liebe dieses Elohim-Gottes in die Welt zu bringen. Und seine Schüler würden ihn dabei unterstützen – obwohl sich später herausstellt, dass sie diesem großen Werk doch noch nicht voll gewachsen sind.

Schon jetzt meldet sich auch wieder der Satan, der Jesus durch Petrus auffordert, dieser großen Aufgabe auszuweichen.  Jesus weist diese Versuchung ab: „Er sprach zu Petrus: Hinweg von mir Satan! Du bist ein Fallstrick denn du sinnst nicht, was göttlich, sondern was menschlich ist!“ (Matthäus 16, 23). Kurz vor seinem Tod wird sie ihm noch einmal begegnen. Sein Auftrag ist göttlicher, nicht menschlicher Art.

 

Doch hält Jesus in diesem Augenblick seine Schüler für so fortgeschritten, dass sie jetzt, in dieser entscheidenden Stunde, den inneren Entwicklungsweg erkennen können, der zu diesem göttlichen Leben führt. Dieser Weg ist ab jetzt, nach der Jahwe-Periode, auch die eigentliche Aufgabe der Menschheit ist, die sie in der neuen Elohim-Zeit erfüllen soll. Es ist die bewusste Rückkehr zur Elohim-Welt, aus der sich ein Teil der ursprünglichen Menschheit entfernt hatte. Die Verbindung zur Elohim-Welt muss wiedergefunden werden.

Die Jahwe-Welt und ihre Gesetze waren die unerlässliche Voraussetzung für diesen Weg gewesen. Doch jetzt muss unter dieser Voraussetzung eine neue innere Wirklichkeit gewonnen werden. Die Formel dafür lautet: „Wer sein ichbezogenes Leben retten will, der wird es verlieren. Wer aber sein Leben verlieren will um meinetwillen, der wird es, das spirituelle Leben, finden“ (Matthäus, 16, 25). „Sein Leben“: das ist das Leben des biologischen Ichs, das nach den Jahwe-Gesetzen ein Ich-Bewusstsein aufbaut. Ist aber dieses Bewusstsein aufgebaut, so kann ein neues Leben beginnen, ein Leben der Liebe, erfüllt von den Kräften der Elohim. Doch dieses neue Leben ist nur möglich, wenn das alte Leben um der Elohim willen, um der göttlichen Liebe willen, und in der ursprünglichen Kraft der Elohim, verloren wird, die Jesus, der Sohn der Elohim, bringt.

Ab jetzt begibt sich also Jesus mit seinen Schülern nach Jerusalem, in die Höhle des Löwen der alten Gesetzgebung, wohl wissend, dass er deren Übermacht erliegen und getötet werden wird.

 

Denn die in Jerusalem regierende Priesterschaft, gefangen in den alten, bisher gültigen Überzeugungen und Gesetzen der Jahwe-Religion, würde, das sah Jesus klar voraus, seinen Weg zu einer totalen Änderung der menschlichen Existenz nicht verstehen, geschweige denn, diesem Weg folgen wollen. Sie würde sich auch niemals davon überzeugen lassen, dass Jesus der verheißene Messias aus der Elohim-Welt der Liebe war, wie ihn Jesaja charakterisiert hatte. Sie hassten ihn, weil er in ihren Augen ein politischer Schwärmer war, ohne realistische Zielsetzung. Und aus religiöser Perspektive war er für sie ein Ketzer gegenüber der traditionellen Religion. Sie konnten nicht erkennen, dass ihm nicht die politische Lage, sondern in erster Linie die geistseelische Verfassung der Menschen am Herzen lag. Doch fürchteten sie das Volk, das Jesus als politischen Messias verehrte und nicht erkannte, dass Israel gegen die römische Besatzung keine Chance hatte.

 

Einem eingebildeten Messias, als den sie Jesus einschätzten, wollten sie, politisch gesehen zurecht, nicht folgen. Sie waren überzeugt, dass er nur die Römer provozieren und keine Chance haben würde, die Besatzer zu vertreiben.  Und um die Römer nicht zu provozieren, mussten sie auch die Anhängerschaft Jesu entmutigen, die zu einem großen Teil Jesus als politischen Messias betrachtete.

Erst als sie Jesus gefangengenommen hatten, fühlten sie sich einigermaßen sicher. Denn dass er sich hatte gefangennehmen lassen, zeigte vielen seiner politischen Anhänger, dass er nicht der politische Messias war, den sie erwartet hatten. Diese enttäuschten Teile der Bevölkerung, die Jesus bisher als einem künftigen politischen Befreier – sowohl von der Macht Roms als auch von der Unterdrückung durch die geistlichen Führer – zugejubelt hatten, ließen sich jetzt von eben diesen Führern aufputschen und forderten von Pilatus: „Kreuzige ihn!“

Als politischen Messias konnten die weltlichen Behörden Jesus also nicht akzeptieren, aber sie fürchteten vor allem seine Anhänger. Daher mussten sie ihn als Gefahr für das politische Judentum ausschalten.

 

Als religiösen Messias konnten sie ihn jedoch ebenfalls nicht akzeptieren. Sie verstanden nicht, dass sein „Reich nicht von dieser Welt“ war und dass er einen entscheidenden Schritt über die traditionelle Jahwe-Religion hinausging. Er war zwar in Wirklichkeit der von den Propheten lang erwartete religiöse Messias und verstand sich auch als solcher. Sie verstanden aber nicht, dass er gekommen war, um die Gesetzesreligion des Jahwe abzulösen. Diese hatte dazu gedient, ein verantwortliches Ich im Menschen aufzubauen, das als Voraussetzung für eine bewusste spirituelle Entwicklung des Menschen notwendig war.  Und Jesus brachte die Möglichkeit zu dieser spirituellen Entwicklung, indem er sie selbst beispielhaft vollzog und dadurch allen dazu reifen Anhängern ebenfalls ermöglichte.

Er wusste, dass die Voraussetzung für diese spirituelle Entwicklung in der Entwicklung eines selbstständigen, bewussten Ichs bestand. Denn nur ein solches bewusstes Ich war zu der Einsicht imstande, dass es selbst nur eine Stufe zur nächsthöheren Stufe der Menschheitsentwicklung war und nicht auf dieser Stufe stehenbleiben konnte, wenn der Mensch die nächsthöhere Stufe, die Freiheit im Elohim-Gott, erreichen wollte.

Deshalb formulierte Jesus: Nur „wer sein Leben, das Leben des bewussten Jahwe-Ichs, um der Freiheit des Elohim-Gottes willen verlieren will, wird das Leben der Freiheit des Elohim-Bewusstseins finden“. Und deshalb forderte er alle auf, die ihm folgen wollten, das Leben des bewussten, dogmatisch verhafteten Jahwe-Ichs zu „verlieren“. Dabei ging und geht es nicht um ein Nach-Einander, sondern um eine Parallel-Entwicklung: „In dem Maß, in dem das dogmatische, selbstgerechte Jahwe-Ich verloren wird, wird das freie, selbstverantwortliche Elohim-Selbst gefunden werden.“ Oder umgekehrt: „In dem Maß, in dem das Elohim-Selbst gefunden wird, kann das Jahwe-Ich verloren werden.“

Das unsterbliche Elohim-Selbst ist im Menschen von vornherein angelegt, aber meist unter dem eigenwilligen, sterblichen Jahwe-Ich verborgen oder ganz verschüttet. Seit Jesus dem Christus drängt aber das Elohim-Selbst in vielen Menschen wieder zur Bewusstwerdung. Andererseits ist das kleine, sterbliche Jahwe-Ich meist nicht bereit, zu Gunsten des Elohim-Selbstes zurückzutreten, um im Elohim-Selbst, dem größeren, ewigen Selbst, aufzugehen. Das ist die Schwierigkeit, vor welcher auch der heutige Mensch steht. Er hat zwar ein sterbliches Ich entwickelt als Voraussetzung für ein unsterbliches Selbst, klammert sich aber an die Errungenschaft dieses sterblichen Ichs, und folgt nur ungern dem Drängen des unsterblichen Elohim-Selbstes im eigenen Wesen. Und doch würde gerade die Entwicklung des unsterblichen Elohim-Selbstes all seine Schwierigkeiten beheben.

 

Wird fortgesetzt

 

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