08.10.25

Gnostisches Christentum - Forum für ein gnostisch-rosenkreuzerisches Christentum - 35. Brief

Briefe zum gnostischen Christentum 

„Kommt und seht selbst!“ (Johannes 1, 39) 

München, Oktober 2025 

35. Brief 

Irrtum des Judas   

Judas, ein Schüler des Meisters, ist das Musterbeispiel eines Menschen, der damals zwischen der Vorstellung von der politischen Rolle des Messias und der Rolle eines Geistesschülers von Jesus schwankte. Er hatte sich Jesus als Schüler angeschlossen, weil er darauf hoffte: dass Jesus der vorausgesagte Messias war – den er als politischen Messias verstand. Es war ihm offenbar niemals klar geworden, dass dieser Messias namens Jesus das frühere, politische Davidsreich nicht wieder errichten wollte. Dieser Messias hatte ein weit höheres Ziel. Er wollte eine neue Entwicklung der Menschheit einleiten – eine spirituelle Entwicklung zu innerer Freiheit, welche die Entwicklung zu einem dem Jahwe gehorsamen Ich ablöste, die als Voraussetzung für innere Freiheit notwendig gewesen war. Bis heute erwarten viele Juden, wie Judas, diesen politischen Messias noch, der ihnen das, wie sie glauben, von Gott für alle Ewigkeit versprochene Land Palästina wiederbringen würde.

Judas muss mit Blindheit geschlagen gewesen sein, dass er die ganz andere Zielsetzung seines Meisters, bei dem er mehrere Jahre verbrachte, so lange nicht erkannte. Als Jesus in Galiläa zahlreiche Anhänger gefunden hatte und in Jerusalem einzog, wo das Volk Jesus zujubelte, hielt Judas den Augenblick des Losschlagens gegen die Römer für gekommen. Aber er hatte sich geirrt. Jesus war nicht der politische Messias, auf den er gehofft hatte. Er hatte sich vielleicht dadurch täuschen lassen, dass sich Jesus seit seiner Ankunft in Jerusalem so intensiv mit den Pharisäern und Schriftgelehrten als den politischen Führern des Volkes auseinandergesetzt hatte.

 

Denn Jesus war wirklich auch daran gelegen, dass die Pharisäer als geistige Leiter des Volkes die notwendige Vorstufe zur spirituellen Mission des Messias hervorbrachten: die auf den Jahwe-Gott bezogene Ich-Entwicklung jener Menschen, die erst später zum Schritt in eine spirituelle Richtung reif werden würden. Doch musste Jesus mit ansehen, dass diese sogenannten geistigen Leiter auch in dieser Hinsicht weitgehend versagten. Deshalb „reinigte“ er den Vorhof des Tempels von allen Geschäftemachern, die ihn entweihten. Deshalb ließ er seine „Weherufe“ über diese Leiter des Volkes erschallen, die nur an der Ausbeutung des Volkes interessiert waren: Sie besteuerten das Volk zu hoch, sie heuchelten vor dem Volk Treue zu Jahwe und seinen Geboten, um sich ein rechtes Ansehen zu geben und dadurch ihre Macht zu festigen. (Matthäus 23, 13-36) Auch wegen dieser scharfen Kritik seitens Jesus wurden sie zu seinen Feinden.

Die Gleichnisse, die Jesus auf diese Machthaber münzte, deckten diese heuchlerischen Verhaltensweisen der Schriftgelehrten und Pharisäer auf: das Gleichnis von den Weingärtnern, die dem Besitzer des Weinbergs – Gott – die -Früchte ihrer Arbeit schuldig blieben. Die „Früchte“ wären ihre eigene gehorsame Liebe zu Gott und die Einpflanzung von Liebe und Gehorsam in die Herzen der ihnen Anvertrauten gewesen.

Einen noch weitergehenden Inhalt beschrieb das Gleichnis vom Feigenbaum, der nur Blätter hervorbrachte, wegen seiner dauernden Unfruchtbarkeit verdorren und einem neuen Baum, einer neuen religiösen Leitung, würde Platz machen müssen.

In seinen Gesprächen mit den Schriftgelehrten, die ihm Fallen stellten, um ihm seine theologische Inkompetenz nachzuweisen, demonstrierte Jesus ihre eigene Unzulänglichkeit. Im ersten Gespräch klärte er die Frage, ob dem Kaiser Steuern zu zahlen seien (Matthäus 22, 15-22), das heißt, ob und inwieweit man ihn als Herrn über das ganze Leben, nicht nur das irdische, sondern auch das himmlische, anerkennen müsse. Im zweiten Gespräch beschrieb er, welche Verhältnisse zwischen Mann und Frau nach dem Tod im Jenseits herrschen würden (Matthäus 22, 23-32). Und im dritten; ob König David oder der Messias der größere Herrscher sei (Matthäus. 22, 41-46). Das war eine wichtige Frage, weil die meisten Schriftgelehrten dem irdischen König David schon eine größere Rolle zuschrieben als dem „unpolitischen“, geistorientierten Messias. Das irdische Reich war ihnen wichtiger geworden als das un-irdische Himmelreich.

 

Hätte nicht auch Judas, der solche Diskussionen mit anhörte, nachdenklich werden und sich fragen müssen, was wichtiger sei: die irdischen politischen Verhältnisse, oder das Reich der Himmel? Auch heutzutage sind diese Fragen über das Verhältnis von irdischer und himmlischer Welt aktuell und verdienen Aufmerksamkeit und Klärung.

 

Es ist verständlich, dass angesichts solcher Diskussionen die Schriftgelehrten und Pharisäer Gefahren witterten oder schon neidisch auf die Erfolge dieses Jesus bei dem einfachen Volk wurden. Er hatte ihre Autorität in theologischen Problemen in Frage gestellt. Er hatte sie und die Art, wie sie das Volk beherrschten, heftig angegriffen. Er hatte bei vielen im Volk Begeisterung hervorgerufen, als er, von Galiläa kommend, auf einem Esel in Jerusalem einritt. Große Teile der Bevölkerung hielten ihn für einen politischen Messias, der sie sowohl von den römischen Besatzern als auch von den tyrannischen religiösen Führern befreien würde – obwohl Jesus weder das eine noch das andere beabsichtigte.

Niemals hatte er sich selbst als politischen Messias begriffen, schon gar nicht unter Anwendung von Gewalt. Er war kein Revolutionär, wurde aber von vielen als ein solcher verstanden, als ein neuer David. Deshalb jubelten sie ihm bei seinem Einzug in Jerusalem zu: „Hosianna dem Sohn Davids! Gepriesen sei, der da kommt im Namen des Herrn! Hosianna in den Höhen!“

 

So etwas musste die geistlichen Führer beunruhigen. Hier trat ein Konkurrent um die Gunst des Volkes auf! Das durfte nicht sein! Für sie war Jesus ein Konkurrent nicht nur, weil er offenbar Macht und Ansehen beim Volk besaß, sondern auch, weil sich seine in Galiläa vollbrachten Wundertaten auch in Judäa herumgesprochen hatten und viele im Volk ihn deshalb als den endlich erschienenen Messias ansahen. Höchste Gefahr für die jetzigen politischen Leiter des Volkes und ihren Einfluss! Sowohl seine Kritik an ihrer politischen Führung und ihrer Heuchelei im religiösen und sittlichen Verhalten, als auch seine charismatische Ausstrahlung musste ihnen Angst machen, Es wurde Zeit, dem allen einen Riegel vorzuschieben!

 

Sie mussten und wollten ihn unschädlich machen und verhaften. Nur musste das so heimlich geschehen, dass das Volk nichts davon bemerkte, das Jesus als den Messias ansah und eine Verhaftung vielleicht mit einem Aufstand beantwortete. Und deshalb freuten sich die religiösen Machthaber, als Judas zu ihnen kam und ihnen anbot, Jesus ihnen heimlich, nachts, auszuliefern.

Ob Judas bereits nicht mehr an die Messianität des Meisters glaubte, oder daran glaubte und ihn nur endlich zwingen wollte, sich als Messias zu outen – das musste Jesus als Messias seiner Meinung nach tun, wenn ihm Gefangenschaft drohte –, kann offen bleiben. Jedenfalls verriet Judas den religiösen Führern die günstige Gelegenheit. Jesus heimlich, ohne dass seine Anhänger im Volk ihn schützen konnten, gefangen zu nehmen.

Doch Jesus ließ sich ohne Widerstand verhaften. Er gebot seinen Schülern, das Schwert in die Scheide zu stecken, und wurde gefangen genommen.

Damit war seine Macht gebrochen. Ein angeblicher Messias, der sich gefangen nehmen ließ, konnte keiner sein. Das Volk war grausam enttäuscht und ging zu den Feinden Jesu über. Kurz darauf, vor Pilatus, verlangten die von den Pharisäern aufgehetzten früheren Anhänger des Christus dessen Kreuzigung. Und die religiösen Führer erpressten Pilatus mit der Drohung: „Wenn du diesen freilässt, bist du des Kaisers Freund nicht; jeder, der sich zum König macht, widersetzt sich dem Kaiser … wir haben keinen König außer dem Kaiser!“ Pilatus fürchtete seine Amtsenthebung, wenn man ihm diesen Vorwurf beim Kaiser machte, und lieferte Jesus den Juden aus.“ (Johannes 19, 12-16) Jesus, der niemals einen Aufstand geplant hatte, wurde von den Juden, die ihn als vermeintlichen Konkurrenten um ihre politische Macht, als wirklichen Konkurrenten um ihre religiöse Macht und als gefährlichen, aber naiven Rebellen gegen Rom fürchteten, den Römern ausgeliefert.

 

Man kann sich fragen, was in Judas vorging war, als Jesus gefangengenommen worden war. Er warf den Hohenpriestern die 30 Silberlinge, die er von ihnen für seinen Verrat bekommen hatte, vor die Füße, und erhängte sich. Aus abgründiger Enttäuschung darüber, dass sich alle seine Erwartungen nicht erfüllt hatten? Dass Jesus eben nicht der politische Messias war, auf den er gehofft hatte, der das Reich Davids wieder errichten, die Römer aus dem Land treiben und in dessen Regierung er, Judas, vielleicht eine einflussreiche Stellung erhalten würde?

Oder erkannte er in letzter Minute, dass er Jesus als geistlichen Messias hätte unterstützen müssen, und dass er, Judas, den Eintritt in ein geistiges Friedensreich verpasst hatte? Oder bereute er, dass er einen Unschuldigen verraten und dem Tod überliefert hatte? Tötete er sich selbst, weil er sich einen derartigen, nicht auszuhaltenden Vorwurf machte? (Matthäus 27, 4)

 

Rätselhaft ist vor allem auch die Aussage von Jesus, als Judas die Schülerschar nach dem Abendmahl verließ: „Der Sohn des Menschen zwar geht dahin, wie von ihm geschrieben steht; aber wehe dem Menschen, durch den der Sohn des Menschen verraten wird! Es wäre ihm besser, wenn er nicht geboren wäre, jener Mensch!“ (Matthäus 26, 24). Offenbar musste Jesus verraten werden, damit er seine Sendung erfüllen konnte. Denn so war es vorbestimmt, „geschrieben“! Einer musste Jesus   verraten. Aber dem Menschen, der ihn verraten hatte, würde es schlecht ergehen!

 

War Judas der Mensch, dem diese Rolle vom Schicksal zugedacht war?  Kann man ihm deshalb einen Vorwurf machen? Er hatte offenbar eine Aufgabe im sogenannten „Heilsplan“, die ohne ihn nicht erfüllt werden konnte. Er war das schwächste Glied in der Schicksalskette, und musste eben leiden!

Könnte man das nicht als mildernden Umstand betrachten? Wenn Gott Herr über das Schicksal ist und veranlasst, dass es einen bestimmten Menschen trifft, der diesem bösen Schicksal am wenigsten gewachsen ist, dann könnte doch Gott gerade diesen Menschen entschuldigen, und ihn nicht allzu streng bestrafen!

Ist denn der Mensch dem Schicksalsnetz ohnmächtig ausgeliefert? Oder ist diese Situation für ihn gerade eine große Chance, aus der er lernen kann? Könnte er als Betroffener besser als jeder andere das Wirken des Schicksals erkennen und somit leichter als andere zur Befreiung aus dem Schicksalsnetz gelangen, indem er sich in der nächsten Inkarnation anders verhält?

 

Wird fortgesetzt

 

 

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