05.12.25
Gnostisches Christentum - Forum für ein gnostisch-rosenkreuzerisches Christentum - 36. Brief
Briefe zum gnostischen Christentum
„Kommt und seht selbst!“ (Johannes 1, 39)
München,
Dezember 2025, 36. Brief
Letzte Worte und Handlungen von Jesus
Im Evangelium des Johannes, Kapitel 14-17, finden sich ungewöhnliche, beherzigenswerte Worte von Jesus, die er gesprochen hat, um seinen Schülern für die Zeit nach seinem Tod Kraft und Zuversicht zu geben.
Sie sind von besonderer Bedeutung auch für heutige Geistesschüler, die sich, wie damals die Schüler des Meisters, in einer chaotischen, gefährlichen Zeit allein gelassen fühlen könnten. Auch sie werden durch diese ihnen übermittelten helfenden Kräfte des Meisters, die unerschöpflich sind, gestärkt werden.
Drei große Themen enthalten diese besonderen Jesusworte.
Erstens schildert er die nie abreißende Verbindung mit sich selbst und seinen Kräften, auch wenn er für die irdischen Sinne von ihnen getrennt sein wird.
Zweitens erklärt er ihnen, warum sein Abschied für ihre eigene Entwicklung sogar unbedingt notwendig ist. Denn sie müssen und können lernen, aus seinen stets wirkenden Kräften selbstständig zu leben und seine Botschaft zu verbreiten. Nur, wenn sie ohne seinen unmittelbaren Umgang, ohne den sichtbaren Kontakt mit ihm, leben müssen, werden sie, auf sich selbst gestellt, Selbstständigkeit in Glauben, Leben und Handeln gewinnen.
Das ist die Aufgabe gerade des innerlich mit dem Christus verbundenen Menschen: selbstständig zu werden, mit eigenen Augen seine Aufgaben in der Welt zu erkennen und zu lernen, sich durch eigene Erfahrung zu entwickeln und Verantwortung zu übernehmen.
Dafür gibt der Christus seinen Schülern, damals wie heute und in aller Welt, besondere Hilfe. Sie werden nämlich durch den vom Meister ausgehenden Heiligen Geist weiterhin unmittelbar die für ihre Aufgaben erforderlichen Erkenntnisse und Kräfte erhalten. Die sichtbare Verbindung und Gemeinschaft mit ihm wird zwar aufgehoben sein, aber die unsichtbare Verbindung wird um so stärker wirken. Solange die sichtbare Verbindung mit ihm bestehen bliebe, würden sie niemals lernen, sich auf ihre unsichtbare Verbindung mit ihm zu verlassen und selbstständig zu erkennen und zu handeln. Der heilige Geist, die vom „Vater“ und vom „Sohn“ ausgehende Kraft, wird ihnen die Worte und die Hilfe des Meisters für ihre künftigen Aufgaben von innen her, in ihrem eigenen Herzen und Denken wirkend, zutragen.
Drittens beschreibt er ihnen im voraus, in welchen Situationen sie sich, auf sich allein gestellt, in einer oft feindlichen Umwelt befinden werden. Doch sie werden diesen Situationen innerlich und äußerlich gewachsen sein, eben durch die Kräfte, die sie weiterhin von ihm, vermittelt durch den Heiligen Geist, empfangen und selbstständig anwenden werden. Niemals brauchen sie vor den kommenden Schrecken der Umwelt zu verzagen. Denn sie sind in einer anderen, höheren Sphäre zu Hause, in der Frieden und Ruhe herrschen, in der sie sich immer wieder regenerieren können.
All dies gilt nicht nur für damals, sondern erst recht für heutige Geistesschüler! Sie können erstens davon überzeugt sein, dass in seines, des „Vaters Haus“ viele Wohnungen sind, die vom Christus selbst zubereitet sein werden und in die sie sich stets zurückziehen können (Joh. 14, 2). Und das bezieht sich nicht nur auf die damaligen Schüler des Meisters, sondern auf alle, die heute, in unserer Welt, mit ihm verbunden sind, gleichgültig, welcher Religion sie angehören. Denn der Christus ist für alle Menschen gekommen, die sich ihm und seinem Weg öffnen.
Das ist an jedem Ort auf der Welt möglich, und Angehörige jeder beliebigen ernsthaften Religion werden das erkennen, sofern sie fähig sind, deren oft nur symbolisch ausgedrückte Lehren in die Realität zu entschlüsseln und auf ihre jeweilige Situation zu beziehen. Die Symbole für den spirituellen Weg mögen in den verschiedenen Weltreligionen unterschiedlich sein. Aber es gilt, nicht nur im Christentum, sondern auch in jeder anderen Weltreligion, die Bedeutung der unterschiedlichen Sinnbilder zu erfassen, hinter denen sich stets die selbe göttliche Wirklichkeit verbirgt.
So wird sich herausstellen, dass der Erlösungsweg zum „Vater“ der Welt in allen Religionen möglich ist. Und für jeden Menschen, der sich auf einem spirituellen Weg befindet, ist auch eine „Wohnung“ in der Welt des Vaters vorgesehen, ,,wenn ihr mich“ – das heißt das ewige Geistprinzip in euch – erkannt und dessen Wachstum gefördert habt.“ Ob ihr es „Rose des Herzens“, „Juwel in der Lotosblüte“, „Gottesfunke“, „Perle“, „Daimonion“, „Tao“ oder sonstwie genannt habt, ist dann gleichgültig. Die Christuskräfte wirken auf der ganzen Welt, in jeder Religion, und berühren jeden, der sie in sich arbeiten lässt. „Ich bin der wahre Weinstock“, sagt der Christus, „und mein Vater ist der Weingärtner.“ „Jeden Trieb an mir, der nicht Frucht trägt, nimmt er weg … und wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viele Frucht.“ (Joh 15, 1- 5)
„Bleibt also in meiner Liebe“ – in inniger Verbindung mit mir. „Ich nenne euch nicht mehr Knechte, denn der Knecht weiß nicht, was sein Herr tut. Euch aber habe ich Freunde genannt, denn alles, was ich von meinem Vater gehört habe, das habe ich euch kundgetan,“ So seid ihr in mir frei, Knecht keiner religiösen oder politischen Organisation. „Nur das gebiete ich euch, dass ihr einander lieben sollt.“ (Joh 15, 17)
Drittens beschreibt Jesus die schwer zu ertragende Einstellung, welche die Welt zu seinen Schülern in Zukunft einnehmen wird – die selbe Einstellung, die sie zu ihm selbst gehabt hat. „Wenn die Welt euch hasst, so erkennt, dass sie mich zuerst, vor euch, gehasst hat … Weil ihr nicht aus der Welt seid, deshalb hasst euch die Welt... Wer mich hasst, der hasst auch meinen Vater … Die Stunde kommt, wo jeder, der euch tötet, meinen wird, Gott eine Opfergabe darzubringen. Und das werden sie tun, weil sie den Vater und mich nicht erkannt haben.“ (Joh 16, 2) Letzteres bezieht sich auf die „Ketzer“ jeder Religion, deren Unschuld von den Herren der jeweiligen Religion nicht erkannt – oder anerkannt – wurde, weil man sie als Gefahr für Privilegien und Einfluss ansah.
Jesus fährt sinngemäß fort: Aber sobald der heilige Geist als der Beistand, den ich euch sende, kommt, wird er euch die Wahrheit über eure Welt zeigen, damit ihr diese Welt erkennend ertragen könnt. Er wird ihre Bewohner überführen, das heißt wahrheitsgemäß beurteilen, und zwar in dreierlei Hinsicht:
Erstens werden sich die Menschen in Bezug auf die „Sünde“ nicht ändern: sie werden in ihrem vom Vater, dem Geist, getrennten, das heißt „sündigen“ Zustand, verbleiben.
Zweitens werden sie in Bezug auf mich (Jesus selbst) die alten bleiben, nachdem ich zum Vater gegangen bin. Sie werden mich und die Freiheit, die ich gebracht habe, nicht begreifen und verschmähen.
Drittens werden sie sich in Bezug darauf, dass der „Fürst dieser Welt“, das Böse“ in jedem Menschen und in der Gesellschaft, schon verurteilt ist, nicht anders verhalten als bisher. Sie werden nicht begreifen, dass es keinen Sinn mehr hat, dem Bösen zu folgen. (Joh 16, 8-11)
Ihr aber, so spricht Jesus weiter zu seinen Schülern, werdet vom „Geist der Wahrheit „in die ganze Wahrheit“ geleitet werden. Er wird euch das Zukünftige verkünden, und mein Stellvertreter und der meines Vaters sein.
Er fährt fort: „Die Stunde kommt, wo ich nicht mehr in Bildreden zu euch sprechen werde.“ Denn ihr werdet mich verstehen, wenn ich frei heraus die Wahrheit sage, weil sie unmittelbar in euch wirkt.
Bisher musste er als Lehrer in Gleichnissen sprechen, damit die Menschen und Schüler ihn überhaupt verstehen konnten. Aber damit war immer die Gefahr verbunden, dass die Hörer bloße Gleichnisse für Verhältnisse in der göttlichen Welt schon als Wirklichkeit ansahen und sich selbst täuschten. Als ob zum Beispiel das Wort „Vater“ für Gott einen irdischen Patriarchen beschreiben würde, oder sieben „Brote“ bei den wunderbaren Speisungen echte Brote gewesen wären, die sich ins Unendliche vermehrten! Es waren nur Bilder für von Jesus ausgeteilte Seelenkräfte. Aber viele Hörer der Gleichnisse glaubten an von Jesus vollbrachte Wunder und wurden so erst recht in die irdische Welt verstrickt.
Doch jetzt verstanden die Schüler Gleichnisse als solche, oder Jesus sprach überhaupt in deutlichen Worten, und die Schüler riefen: „Jetzt glauben wir dir, dass du von Gott ausgegangen bist und (schon) weißt, was man dich fragen wird!“ (Joh 16, 29) Und Jesus schließt diese Reden an seine Schüler ab: „In der Welt habt ihr Angst. Aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden.“ Die Kraft von Jesus wirkt in seinen Schülern weiter, auch wenn er nicht mehr da ist. Sie werden in ihm „Frieden haben“.
Schließlich wendet sich Jesus unmittelbar an seinen Vater. Er hat den Auftrag des Vaters erfüllt und ihn „auf Erden verherrlicht“. Und jetzt wird ihn der Vater verherrlichen, mit der Herrlichkeit, die er, Jesus, bei ihm hatte, „ehe die Welt war.“ (Joh 17, 5) „Ich bitte dich, Vater, du wollest sie (all seine Schüler heute wie in Zukunft, gleichgültig welcher Volks- und Religionszugehörigkeit) vor dem Bösen bewahren … Heilige sie in der Wahrheit; dein Wort ist die Wahrheit.... Nicht für diese allein aber, sondern auch für die, welche durch ihr Wort (das Wort seiner Schüler) an mich glauben, bitte ich, dass alle eins seien...damit sie meine Herrlichkeit sehen, die du mir gegeben hast, weil du mich geliebt hast vor Grundlegung der Welt.“
Denn Jesus hatte, wie sein Schüler Philippus in einem späteren Brief der Bibel sagt, „es nicht für ein nur ihm gehörendes Privileg gehalten, wie Gott zu sein, sondern er hatte sich selbst entäußert, indem er Knechtsgestalt annahm und der Erscheinung nach wie ein Mensch erfunden wurde“. (Philippus 2, 6-7) Damit hatte Jesus als sterblicher Mensch den Weg für alle sterblichen Menschen gebahnt, die wie er einen unsterblichen Tempel, einen neuen Menschen, in sich errichten wollen, um wieder mit der Herrlichkeit des Vaters eins zu sein. Dieser letzte Schritt des Weges zur Verherrlichung in einem unsterblichen Leib steht nun noch vor Jesus.
Doch gerade durch diesen Schritt erfüllte er den „Auftrag“, den er für die ganze Menschheit erfüllen wollte. Warum hatte er sich beim Eintritt in die irdische Welt seiner göttlichen Persönlichkeit „entäußert“ und in eine sterbliche Persönlichkeit inkarniert, wie es Paulus ausdrückt? (Brief an die Philipper 2, 5-8) Warum hatte er sich, woran heutzutage an Weihnachten gedacht wird, in einer sterblichen Persönlichkeit geboren werden lassen?
Nicht nur, weil er den Menschen zeigen wollte, wie der Rückweg zum „Vater“ gegangen werden müsse. Sondern auch, weil er sich töten lassen und dadurch sein reines Blut in die Menschheit einströmen lassen wollte. Nur mit Hilfe seines reinen Blutes können nämlich jetzt die irdischen Menschen ihr ganzes Karma auflösen, ihre sterbliche Persönlichkeit verändern lassen und mit einer unsterblichen Persönlichkeit ins „Haus des Vaters“ mit den vielen Wohnungen zurückkehren.
Karl von Eckartshausen, ein großer Eingeweihter des 19. Jahrhunderts, beschreibt das so:
„Damit der dem Tod unterworfene Mensch wieder geheilt und aus seinem Elend wieder errettet werden konnte ..., war es vor allem notwendig, dass das materielle Korruptible (Verderbliche) und im Zentrum der Erde liegende Prinzip zuerst regeneriert, umgekehrt, und zu einer einst alles belebenden Substanz befähigt werden konnte.
Dies war … auf keine andere Art möglich als dadurch, dass die göttliche Lebenssubstanz sich in (sterbliches) Fleisch und Blut einhüllte, um dann die darin verborgenen Lebenskräfte wieder auf die ertötete Natur zu übertragen. Dies geschah auch wirklich durch den Tod des Christus. Die aus seinem vergossenen Blut ausströmende tinkturalische (flüssige) Lebenskraft durchdrang das Innerste der Erde, erweckte die Toten, zerbrach die Felsen und verursachte die große Totalfinsternis der Sonne, da sie (die Lebenskraft) aus dem Zentrum der Erde, in welche sie eindrang, alle Teile der Finsternis auf den Umkreis hindrängte (Matthäus 27, 51-53) und den Grund zur künftigen Wiederverklärung der Welt legte.
Seit der Epoche vom Tod des Christus arbeitet sich die göttliche, durch sein vergossenes Blut ins Zentrum der Erde gebrachte Kraft immer heraus und befähigt sukzessive alle Substanzen zu der der Welt bevorstehenden großen Umwälzung.“
Und diese neue, unvergängliche Lebenssubstanz liegt der Umwandlung aller Menschen in allen Religionen zu Grunde. So ist „Christus der Erlöser der Welt. Er ist der Erlöser der Menschen.“
Karl von Eckartshausen in „Die Wolke über dem Heiligtum“, S 85/86, erhältlich über Rozekruis Pers, Haarlem, oder www.koenigsdorfer-verlag.de)
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